Sonntag, 29. November 2009

Jetzt ist es geschehen.

Jetzt ist geschehen, woran hier niemand glaubte. Die Schweizer haben per Volksentscheid beschlossen, Minarette zu verbieten. Und zwar explizit Minarette und nur Minarette. Man tut nicht mal so, als wäre das unparteiisch, und ginge an alle baulichen Glaubensbekenntnisse. Natürlich, dann müsste man ja auch Kirchtürme verbieten. Oder, wenn man die christliche Religion als heimatlich ausnimmt, Synagogenkuppeln. Das würde aber plötzlich durchsichtig machen, in welcher Tradition das Ganze steht (die Ikonografie der Plakate ist anscheinend nicht deutlich genug). Also nur Minarette verbieten.

Seit ich in der Schweiz lebe, habe ich mehrfach über die direkte Demokratie diskutiert, auf die die Schweizer sehr stolz sind. Fast war ich schon von meiner grundsätzlichen Ablehnung abgekommen. Denn zugegebenermaßen hat die direkte Demokratie sehr viele Vorteile. Und nur einen Nachteil: das Volk. Ich war und bin davon überzeugt, dass Minderheitenschutz und Menschenrechte nicht garantiert bleiben können, wenn nur die Mehrheit zählt. Wenn, wie in diesem Fall, diffuse Ängste und Frustration die Gründe liefern für eine Entscheidung. Ohne Zweifel sind die Schweizer aufgrund ihrer Tradition der direkten Demokratie tatsächlich informierter, interessierter und humanistischer als andere Völker. Aber offenbar doch nicht humanistisch genug.

Das Ergebnis macht Angst. Denn es ist ein lautstarkes Signal gegen Toleranz und Miteinander. Es geht nicht um Minarette. Von denen gibt es ganze vier Stück in der Schweiz, niemand hier kann mir glaubhaft versichern, dass er sich von einem solchen Bauwerk bedroht fühlt. Nein, es geht nicht um die Minarette, sondern um die Muslime. Es geht gegen die Muslime, die mit Islamismus und Gewaltbereitschaft gleichgesetzt werden und denen ein organisiertes Streben nach Weltherrschaft unterstellt wird. Doch eigentlich ging es bei dieser heutigen Abstimmung meines Erachtens noch nicht einmal nur oder zuerst gegen Muslime, sondern vor allem gegen Zuwanderung überhaupt.

Irrationale Ängste haben mehr Menschen als sonst dazu gebracht abzustimmen, Ängste, die von der Rechten geschürt und von der Linken nicht aktiv genug bekämpft worden sind. Dieselben Ängste wie überall, sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg, bald sind wir im eigenen Land in der Minderzahl usw. Nur, dass hier diese Ängste heute Gesetz geworden sind, anstatt als rassistisch tabuisiert zu werden.

Das Ergebnis macht mir persönlich Angst. Denn, obwohl ich hier sehr herzlich aufgenommen wurde und fast nur weltoffene Leute kennengelernt habe, spüre ich doch mehr und mehr, wie wütend viele Menschen hier auf uns Zuwanderer sind und wie bedroht sich viele durch uns fühlen. Manche ärgern sich über Minarette, manche über das viele Hochdeutsch auf der Straße. Meistens sind es die gleichen.

Alexander Segert, der Mann, der hinter den faschistoiden Plakaten steckt, und selbst ein deutscher Einwanderer, sagt, er würde auch eine Kampagne mit dem Slogan „Deutsche raus“ konzipieren (hier), wenn man ihn dafür bezahlt. Leider ist das gar nicht abwegig.


Sind die aus Pappe auch verboten? Kreativer Minarettbau bei Protestkundgebung auf dem Helvetiaplatz.

Donnerstag, 26. November 2009

Mein Eintritt in die Parallelgesellschaft

Ich bin vorgestern erfolglos integriert worden, ach nein, begrüßt worden bin ich, und zwar herzlich, außerdem erfolgreich abgefüllt und in die Parallelgesellschaft gedrängt. Was da stattfand war ja auch gar nicht der „Integrationsapéro“, eine Bezeichnung, die sich nur bei den Betroffenen eingebürgert hatte, sondern ein "Begrüssungsapéro". Von Integration war also nie die Rede gewesen.

Wer mich und 239 andere Ausländer da begrüßt, das ist die Stadt Zürich höchstpersönlich und zwar in Gestalt dreier Damen mit vielfältigen Sprachkenntnissen. Integrieren könnten sie uns sowieso nicht, denn wir sind eindeutig in der Überzahl. Stattdessen verkünden sie in unzähligen Idiomen Allgemeinplätze oder projizieren kurze humorvolle Texte und freundliche Bilder per Power-Point-Präsentation an die Wand. Man verspricht Hilfe in allen Lebenslagen, sogar bei Arbeitslosigkeit. Dieses Angebot finde ich sehr freundlich und werde bestimmt darauf zurückkommen. Alle wichtigen Themen werden angetippt: Arbeit, Freizeit, Familie, Bildung und sogar Religion. Zumindest sind das die Bereiche, die die Stadt Zürich in Gestalt der drei Damen wichtig findet. Ich persönlich finde Klimaschutz ja viel wichtiger als Religion und über Haustiere, Essen und Trinken und öffentliches Knutschen müsste man auch dringend mal sprechen.

Aber gut, reden wir also über Religion. Religionsfreiheit ist nämlich ein wichtiges Gut in der Schweiz. Naja, so lange man keine Türme dafür braucht jedenfalls (Hä?). Aber darüber wollen wir an diesem Abend lieber nicht sprechen, eigentlich betrifft es ja auch niemanden. Es sind nur zwei Muslime da, niemand ist verschleiert. Und dass sich ein paar Deutsche unangenehm erinnert fühlen an faschistische Suggestivästhetik, ist jawohl ein Einzelfallproblem. Selbst schuld, wenn man sich den „ewigen Juden“ und andere Glanzstücke der nationalsozialistischen Filmindustrie angesehen hat und nun vor jeder zweiten Plakatwand daran denken muss. Nein, wir wollen uns alle liebhaben an diesem Abend. Harmonie-hie-hie ist eine Strategie.

Später werden wir nach Sprachgruppen getrennt durch die Zürcher Altstadt geführt. Nur wenige historische Hinweise, das wäre ja auch viel zu trocken für solch einen vergnüglichen Abend, dafür ganz viele praktische Tipps. Welch ein Glück, dass ich die schönen Plätze schon entdeckt habe, bevor eine drahtige Stadtführerin im Rentenalter Gelegenheit hatte, mir mit verschwörerischem Augenzwinkern zu verkünden, dass sich dort im Sommer das junge Volk treffe. (Thomas D., seines Zeichens gelernter Friseur, hat einmal in einem Interview gesagt, dass er jedes Friseurgeschäft wortlos verlassen muss, wenn man ihn fragt ob’s auch „etwas Freches“ sein dürfe.) Überhaupt dieser Stadtführer-Humor, immer nur ein bisschen anzüglich, nie zu sehr, und immer so unerträglich konsensfähig. Werden die damit geboren oder besuchen sie spezielle Stadtführer-Schulungen? Gibt es Witz-Datenbanken, nach historischen Gebäuden geordnet? Die anderen in meiner Gruppe finden das charmant und lachen immer an den richtigen Stellen. Liegt's an mir?

Nach dem Auslauf betrinken wir uns alle gemeinsam und sollen uns kennenlernen. Warum eigentlich? Wäre es nicht integrationsfördernder Schweizer zu treffen? Zumal ja, zumindest laut Ivo Marusczyk, die meisten Deutschen das alleine nicht hinkriegen. Nun gut. Ich lerne also kennen und rutsche prompt in die Parallelgesellschaft ab: Ich verabrede mich mit anderen Deutschen zum Skat spielen. Egal, von Integration war ja nie die Rede, dafür gibt es eigene Integrationsabende, wo man lernt, wie man Weckli kauft, und übt, richtig Grüezi zu sagen. Schweizer treffen kann man da zwar auch nicht, aber vielleicht klappt's dann endlich mal mit dem Nachbarn.

Mittwoch, 18. November 2009

Herbstblog

Es ist Herbst in Zürich und der Nebel ist endlich da. Er dampft nicht mehr nur aus dem Uetliberg heraus, als läge dieser am Rand von Mittelerde, sondern hängt jetzt morgens über der ganzen Stadt. Die Zürcher Nebelsuppe ist legendär und dient den Bergbewohnern gerne als Spottvorlage gegen die eingebildeten Städter. Sie wabert jetzt auch allmorgendlich durch meinem Hinterhof. Im Sommer hat es einmal ein paar Häuser weiter gebrannt, das sah ganz ähnlich aus, aber es roch schlechter. Jetzt riecht es morgens nur nach E-Herd. Dieser seltsame Geruch der Herdplatten, wenn sie heiß werden, und der gar nicht heimelig ist oder nur auf eine beklemmende Art und Weise.

Wenn der Nebel am Morgen über dem See hängt im Gegenlicht, sieht es aus wie das Ende der Welt, das heranrückende Nichts, das eben nicht schwarz ist, sondern einfach nichts. Die Masten der verwaisten Segelboote ragen in die Höhe, ganz still, als wären sie festgefroren in dem hellen Weiß.



Minuten später ist der Nebel verschwunden. Dann kann man plötzlich weit ins Gebirge hineingucken, überklar ist jede Felszacke, die aus dem Schnee ragt. Fast erschreckend ist dieser Anblick und ich wundere mich, dass ich als einzige Passantin meine Augen nicht abwenden kann, während alle anderen zur Arbeit hetzen oder joggend auf den Boden starren und in ihren I-Pod hineinhorchen. Ich bin die einzige, und ich riskiere sogar noch etwas dabei, weil man beim Fahrradfahren nicht zur Seite sehen sollte, jedenfalls nicht, wenn Bäume oder Pfosten in der Nähe sind.

Wenn man die Berge sieht, dann ist Föhn, habe ich gelernt. Ich weiß immer noch nicht, was Föhn eigentlich ist. Manche Menschen bekommen Kopfschmerzen davon und schlechte Laune. Ich habe gute Laune, weil man die Berge sieht und ich trotzdem noch keinen Baum gerammt habe.

Dass es Herbst ist, merkt man auch daran, dass man anfängt zu deklamieren. Die meisten machen es innerlich, manche tun es laut. Seltsam, im Nebel zu wandern und jage die letzte Süße in den schweren Wein. Der Herbst ist einfach die poetischste Jahreszeit. Nur der Frühling kann damit konkurrieren, wenn Strom und Bäche endlich vom Eise befreit sind und ein blaues Band durch die Lüfte flattert. Aber Sommer und Winter finden nicht statt im bildungsbürgerlichen Zitatenschatz, warum eigentlich?


Jeder ist allein.

Dienstag, 3. November 2009

Kranksein

Immer, wenn ich krank bin, begebe ich mich auf die Suche nach Friedhöfen. Ich vermute, es liegt weniger an der Nahtoderfahrung von 38,6 Fieber als daran, dass Friedhöfe einfach gute Spazierziele sind und spazieren gehe ich nur, wenn ich krank bin. Das ist ja auch das einzige, was man dann so tun kann, und es soll auch guttun, sagt man zumindest.

Und auch wenn also die Ausarbeitung von Bestattungswünschen nicht das oberste Ziel dieser Gänge ist, macht man sich eben so seine Gedanken. Zum Beispiel habe ich vor kurzem beschlossen, dass ich im Sarg erdbestattet werden möchte und nicht verbrannt, obwohl in das in meiner Familie aus irgendeinem Grund schon seit Jahrzehnten als common sense gilt. Aber mir gefällt die Vorstellung, dass ich von Würmern zerfressen werde und zerfalle und aus meinem Fleisch Gras und Bärlauch wachsen. Außerdem möchte ich einen lebensgroßen Steinengel mit geneigtem Kopf auf meinem Grab haben. Nicht, dass ich an Engel glauben würde oder auch nur an Gott, aber die sind einfach schön.

Auf meinen Streifzügen ist mir aufgefallen, dass Zürich nicht nur zum Leben eine tolle Stadt ist. Mein neues Hinterland bietet mehrere Möglichkeiten von wirklich schönen letzten Ruhestätten. Komisch, dass man einen idyllischen Platz dafür haben möchte, am besten noch mit Aussicht. Eigentlich könnte einem das doch vollkommen egal sein, schließlich sieht man ja nichts mehr und liegt sowieso 1,5 Meter unterhalb von Aussicht und Idylle. Eigentlich könnte man doch praktisch denken und sich dort begraben lassen, wo es die Angehörigen nicht weit haben. Oder man könnte sagen: ist mir doch egal, was dann ist, sollen die mit mir machen, was sie wollen und sowieso sollten die schönen Plätze lieber zum Leben benutzt werden als zum Totsein. Aber irgendwie gefällt mir die Idee, dass meine Angehörigen, wenn sie mich sehen wollen, nach Zürich reisen und dann die Bachtobelstrasse hinaufpilgern müssen, vorbei an den wunderschönen, putzigen Einfamilien-Reihenhäusern mit Vorgärten, hinter deren idyllischen Fassaden es ganz sicher gärt. Im Anblick der Häuschen würden meine Angehörigen bedächtig mit den Köpfen nicken und keuchen (denn sie wären vom Anstieg außer Atem): Jaja, das war immer ihr Traum, aber sie hat halt Pech gehabt. Und ich würde mich oben am Uetliberg im Grabe herumdrehen und murmeln: Nein, Pech habe ich nicht gehabt, sondern Glück. Der Traum war fehlerhaft.

Die Frage ist allerdings, wie lange ich als Ausländerin hier leben muss, bevor ich mich auf einem Schweizer Friedhof begraben lassen darf. Also, moralisch gesehen, meine ich. Nicht, dass es dann in der Presse heißt: Die Deutschen nehmen uns die Jobs weg, die Frauen und jetzt auch noch die Gräber. Joyce war, glaube ich, insgesamt nur 4 Jahre da und ist trotzdem ein beliebter Zürcher Begrabener. Vermutlich würde es also helfen, wenn ich dicke Bücher schreiben könne und berühmt werden würde. Das würde sowieso helfen. Andererseits könnte ich mich auch immer noch darauf berufen, dass ich niemandem die Frau weggenommen habe und bis jetzt auch keinen ordentlichen Job, vielleicht lassen sie mir das Grab dann durchgehen.

Montag, 19. Oktober 2009

Messe in a bottle

Das ist also Ihre letzte Messe, sagen uns die Leute. Ich denke an Requiem und letzte Ölung. Und sage lächelnd: ja, genau. Wir müssen lächeln, Befehl von ganz oben. Sonst werden wir nach Hause geschickt. Ich habe das ja, um ehrlich zu sein, als Versprechen verstanden: Wenn ich nicht mehr kann, muss ich nur eine halbe Stunde griesgrämig gucken und dann darf ich nach Hause fahren. Aber dazu ist es dann doch nicht gekommen.

Abends auf dem Fest der Jungen Verlage ist es voll, richtig voll, rammelvoll. Es nervt und der einzige Vorteil ist, dass man weiß, man ist da, wo alle sind. Aber was da passiert und wer den Preis bekommen hat, das muss man am nächsten Tag in der Messezeitung nachschlagen. Aus der Damentoilette ragt, wie könnte es anders sein, eine Schlange. Eine der zwei Kabinen wird nicht benutzt. Die Spülung ist kaputt, sagt man. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die sich stoisch mit solchen Dingen abfindet. Aber hinter mir löst sich eine Aufgeregte aus der Schlange, eine adrett gekleidete Businessfrau, aber stilvoll, eine Managerin, eine Geschäftsführerin, mindestens Vertriebsleiterin, eine Macherin, jemand, der zupackt, der sich zuständig fühlt, der nicht einfach wegsieht. Sie gibt uns zu verstehen, dass sie das schon regeln wird. Und aus der Kabine hören wir kurz darauf, dass nur der Hahn nicht aufgedreht gewesen sei. Als die Macherin die Kabine verlässt, verkündet sie, dass das nun doch nicht so funktioniert habe, wie sie sich vorgestellt habe, aber man könne die Toilette trotzdem benutzen, wenn man nur das Papier wie sie daneben werfe. Als wir Wartenden sie wortlos anstarren, macht sie ein schnippisches Geräusch, das heißt: selber schuld, wenn Ihr lieber warten wollt, und wendet sich dem Wasserhahn zu.

Jemand fragt meine Kollegin, ob Pessoa heute nochmal an den Stand kommt.

Jemand von Suhrkamp umarmt mich stürmisch, weil er mich im Augenwinkel für meine Chefin hält. Als er mich scharf gestellt hat, erschrickt er und flüchtet.

An der Lesebühne vom Gastlandauftritt China sitzt ein Chinese und liest. Er schiebt der mittelalten Frau gegenüber einen Flyer hin. Sie sieht ihn fragend an. „I read.“ „O, you are the author?“ „Yes.“ Schweigen. „You live in Europe?“ „No. I live in China. And you, are you from here?“ „Yes, yes. From here.“ Sie zeigt auf den Hallenboden. „And what do you do?“ „I am a mother“, Pause, „and a, äh…“ „Housewive?“ „Yes, yes. A housewive.“ Ein schmales, langes Mädchen, das ich ungefähr auf dreizehn schätze tritt an den Tisch. „Is this your daughter?“ „Yes.“ „How old is she?“ „Äh, twenty.“ „Like my daughter.“ „You have a daughter?“ „Yes.“ „Good.“ „Yes.“ Der Chinese entschuldigt sich. Ich frage mich, ob sich Chinesen und Deutsche durch die Buchmesse näher gekommen sind.

Unser Waldschrat strandet nach einer Party in einer Suite im Luxushotel. Das war am Samstag wohl der Place to be, aber da war ich nicht da. Ich habe mich gleich auf die Messezeitung verlassen. Ich war bei einem wunderbaren bulgarischen Kinderbuchillustrator, der mit dem allerschönsten Akzent über jeden Stier, den er gemalt hatte sagte: Das ist mein Bruder. Er signiert mir ein Buch mit Planetenfressern und einem Kalb, das dem Mond auf dem Rücken hockt. Der Mond kann sich umdrehen soviel er will, das Kalb ist immer hinten und er kann es nicht sehen. Der alte Maler freut sich über meinen Pferdeschwanz. Er hat bestimmt auch mein Mondkalb darunter bemerkt. Es war nämlich nicht so schüchtern wie ich.

Dienstag, 29. September 2009

Physische Völkerverständigung

Nur um Urs Lügen zu strafen (er behauptet, das Ende meines Blogs sei bereits abzusehen), kommt hier noch ein 5. Beitrag im Monat September. Dass ich mich hier in der Schweiz sehr willkommen fühle, ist kein Geheimnis. Die Schweizer sind einfach viel netter! Gestern erst wurde ich in neun Sprachen (von denen ich zwei nicht einmal identifizieren konnte) von der Stadt Zürich zu einem Willkommensrundgang mit anschließendem Apéro eingeladen. Heute rettete eine Passantin meinen Lieblingspullover und als ich neulich im Ausgang beklaut wurde, hat der Gentleman-Gangster doch nur das Bargeld genommen und das komplette Portemonnaie wieder in meine Tasche gesteckt. Und hier wird viel mehr geflirtet als in Berlin, wo ein langer Blick schon als uncool und anhänglich gilt.

Doch, o Schreck, bei meinen unermüdlichen Recherchen zur schweizer-deutschen Völkerverständigung stieß ich heute auf dieses Zeugnis Schweizer Herzlichkeit.
Abgesehen von den ernsten Selbstzweifeln, die mich angesichts dieses schrillen Schweizer Online-Magazins erfassten (Ist mein Blog eigentlich zu brav und zu reizarm? Sollte ich mehr über Drogen und Sex berichten und wenn ja, würde ich dazu die Gonzo-Methode anwenden müssen?), war ich zunächst entzückt: Wieder ein Schweizer, der mich willkommen heißt, und mich noch dazu mit einem Gänseblümchen vergleicht! Doch beim Weiterlesen dämmerte mir bald eine schreckliche Erkenntnis:

Die Schweizer Männer denken, wir deutschen Frauen seien lockerer (und erfahrener). Die deutschen Frauen (ich eingeschlossen) finden die Schweizer Männer unkomplizierter. Könnte es sein, dass wir alle einem urbanen Mythos aufgesessen sind? Am Ende sind wir alle genau gleich verklemmt und verhalten uns nur anders, weil das Gegenüber ja schließlich leicht rumzukriegen sein muss, als deutsche Frau / Schweizer Mann. Ich erinnere mich an den Abschlussabend einer Jugendfreizeit, wo wir Betreuer ca. 30 Vierzehnjärige sturzbetrunken gemacht haben mit der Behauptung, es befände sich Alkohol im Punsch. Und nun muss ich mich fragen: Bin ich wie ein Teenager einem berauschenden Schwindel aufgesessen??? Und nicht nur ich! Tausende von Disco-Knutschereien und Badi-Flirts basieren auf nichts als einem Missverständnis! Und was passiert, wenn das auffliegt?

Liebe Schweizer Männer: wir brauchen sofort einen Pakt! Lasst es uns machen wie Eltern. Sie erzählen doch immer allen Kinderlosen, wie herrlich die Kleinen sind und dass sie einen für die unsäglichen Geburtsschmerzen und die durchwachten Nächte und all das andere Ungemach millionenfach entschädigen. Nur untereinander erlaubt es ihnen das ungeschriebene Gesetz zu klagen; nur wer sich bereits reproduziert hat, darf die Wahrheit kennen. Machen wir es auch so! Lasst uns im Namen der Völkerverständigung den Mythos des lockeren Schweizers und der scharfen Deutschen aufrechterhalten! - Und über unsere Verklemmtheiten reden wir dann mal heimlich unter uns, wenn das Licht aus ist und keiner zuhört, ja?


Psst, Ihr Hübschen, schön den Mund halten!

Sonntag, 27. September 2009

Schiess-Blog

Schiessen heißt in der Schweiz nicht unbedingt immer das, was man erwartet. Wij sagt man hier zum Wein; wiiss ist weiß und schiessen heißt eben? richtig geraten. Ein Tüpflischiesser ist also auch keiner, der Pünktchen abfeuert, sondern – ein Korinthenkacker. Schießen heißt auf Schweizerdeutsch dann übrigens schüüsse. Liebe heißt deswegen allerdings noch lange nicht *Lüübe, sondern Liebi, und Ei bleibt Ei. Versteh einer dieses System. Aber zurück zum Thema. Dieser Blog dreht sich nicht um Exkremente oder ums Schweizerdeutsche, sondern tatsächlich um Waffen.

Ich war nämlich vorletzte Woche auf dem Knabenschiessen – das heißt im Original übrigens Chnaabeschüüsset, um dem ersten Missverständnis schon einmal vorzubeugen. Aber auch, wenn man das weiß, gibt es noch zahlreiche Möglichkeiten, sich etwas Falsches darunter vorzustellen. Die erste Vermutung ist meist, dass auf kleine Jungs geschossen wird. Dann gibt es noch ein paar vergnüglichere Thesen wie zum Beispiel, dass es sich um ein Paintballfestival handeln könnte (eine argentinische Freundin) oder um ein Partyspiel zur Pärchenbildung , bei dem sich Mädchen den passenden Knaben ‚erschießen’, indem sie wie auf der Kirmes mit Bällen oder Luftgewehren Dosen o.ä. umhauen (das war natürlich eine Fantasie von mir, dem alten Spielkind.)

In Wahrheit ist es einfach genau das, was der Name verspricht: Knaben schießen. Und zwar um die Wette. Seit 1991 dürfen zwar auch die Mädchen im Alter von 13 bis 17 mitmachen, aber der Name dieses traditionellen Volksfests wurde deswegen nicht geändert. Naja. „Kinderschiessen“ klänge wohl auch nicht weniger makaber.

Nicht nur der Name dieses Zürcher Feiertags hatte mich neugierig gemacht, die Chilbi (Kirmes) begann quasi gleich hinter meinem Haus, ich sah Familien vor meinem Fenster vorbeipilgern und wollte auch dahin. Und dann habe ich ja auch noch geschworen, hier jeden Schiiss mitzumachen, vor allem, wenn es sich um etwas Schweizerisches handelt (nicht zuletzt um des Blogs willen). Für meinen ausstehenden Beitrag über das Schweizer Essen fresse ich mich also in reiner Pflichterfüllung erstmal an der Budenstraße entlang. Bei den Fahrgeschäften angekommen, ist mir bereits leicht schlecht. Wir kämpfen uns zum Schießstand durch.



Dort sieht es aus wie Krieg. In einer riesigen Halle liegen mindestens 50 Kinder und ballern mit aufgestellten Sturmgewehren auf 300m entfernte Zielscheiben. Auf großen Monitoren werden die Punkte gezählt, das System durchschaue ich allerdings nicht. Aber ich weiß, dass es am Ende einen Schützenkönig geben wird. Es klingt natürlich auch wie Krieg. Am Eingang steht ein Priester, der darauf achtet, dass alle ihren Gehörschutz tragen. Ich frage meinen großen blonden Begleiter, warum da ein Priester ist. Er antwortet trocken: falls einer Amok läuft. (Als ich das später Martin erzähle, wendet er messerscharf ein: Wenn einer Amok läuft, erschießt er als erstes den Priester. Martins Blog zum Thema)



Die Schweizer haben auf jeden Fall eine ganz andere Beziehung zu Waffen als die meisten Deutschen. Quasi die ganze (männliche) Schweiz ist schließlich eine einzige Armee, das heißt, jeder hat irgendein Verhältnis zu seiner Schusswaffe und sei es ein gespaltenes. Zudem dienen laut der Corporal Identity der Schweizer Armee Waffen ausschließlich dem Zweck der Verteidigung und sie sind insofern selbst für politisch korrekte Menschen nicht zwangsläufig pfui. (Die Schweiz wird ja auch nicht am Hindukusch verteidigt, aber dazu vielleicht ein andermal mehr.) Doch wenn ich mir überlege, dass quasi jeder Mann zwischen 20 und 45 ein Sturmgewehr im Keller hat, wird mir schon ein bisschen anders. Im Ernstfall muss man die Waffe gleich in die Hand nehmen können und sollte sich nicht erst am Zeughaus anstellen müssen, so lautet das Argument für die sogenannte Heimabgabe von Armeewaffen.

Leider ist es ja nicht so, dass dabei nichts passiert. Erst vor kurzem wurde hier unter großer medialer Anteilnahme ein junger Mann verurteilt, der, vermutlich ohne das Buch zu kennen, den „Fremden“ von Camus nachgestellt hat. Auch kommt es hin und wieder zu Unfällen im Zusammenhang mit den obligatorischen Schießübungen. Da fängt man schon an, sich zu fragen, ob es nicht längst Zeit wäre für neue Waffengesetze. Doch offenbar sitzt die Schweizer Angst vor plötzlicher Invasion sehr tief; die Reformen brauchen Zeit und sind bei Weitem nicht so konsensfähig, wie man vermuten würde. Immerhin haben die genannten Fälle die Debatte neu befeuert. Und sie waren Auslöser von Sammelaktionen für alte Waffen, die von ihren Besitzern nicht mehr benutzt werden. Skurrile Szenen sollen sich dabei abgespielt haben.