Samstag, 12. September 2009

Neusein

An diesem kühlen Herbsttag sitze ich mit Kaffee und Schweizer Schokolade am Fenster, höre mal wieder Counting Crows und frage mich, was eigentlich das Tolle daran ist, irgendwo neu zu sein. Warum braucht denn der Mensch hin und wieder den sogenannten Tapetenwechsel?

Ich habe mal gelesen, dass die Zeit mit zunehmendem Alter schneller vergeht, weil man weniger Neues erlebt und das Gehirn die Zeit sozusagen in neuen Informationen misst. Und tatsächlich kann man das doch an sich selbst beobachten: Die Monate, die man ohne große Veränderungen den gleichen Job gemacht hat und am Wochenende immer mit den gleichen Leuten in den gleichen Club ging, schieben sich in der Erinnerung gerne zu einer einzigen Woche zusammen. Vielleicht löst also das Gehirn aus einer Art Selbsterhaltungstrieb in regelmäßigen Abständen (die vermutlich von Mensch zu Mensch stark variieren) den Wunsch aus, neue Landschaften und Menschen zu sehen, neue Dinge zu tun und im buchstäblichen Sinn neue Wege zu gehen. Es erklärt aber nicht, warum es für uns auch wichtig ist, hin und wieder als etwas Neues wahrgenommen zu werden.

Es liegt eigentlich auf der Hand. Man ist aufmerksamer und bekommt selbst mehr Aufmerksamkeit. Die Unvoreingenommenheit der neuen Umgebung macht es möglich, plötzlich anders aufzutreten. (O wer einmal jemand Anderes sein könnte!) Und am wichtigsten: gespiegelt in unbekannten und unvoreingenommenen Augen, sieht man sich selbst plötzlich anders. (O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte!) An das Bild, das die alten Freunde von einem haben, hat man sich längst gewöhnt, ja man inkorporiert es förmlich, indem man unbewusst ihre Erwartungen erfüllt. Wir sind so sehr mit dem verwachsen, wie unsere altbekannte Umgebung uns wahrnimmt, dass es keine Möglichkeit gibt, diese Wahrnehmung mal probeweise überzustreifen und sie als etwas Fremdes und Äußeres zu empfinden. Die Gelegenheit, sich selbst auf den Kopf zu sehen, gibt es immer nur für einen kurzen Moment, wenn man neue Leute kennenlernt, am besten so kontextfrei wie möglich.

Wenn ich so darüber nachdenke, scheint mir: Fortgehen ist gar nicht etwas für Mutige und Abenteuerlustige, für Selbstbewusste und Menschen, die mit sich im Einklang sind, sondern es ist etwas für Melancholiker. Für die, die mit sich selbst nicht so richtig klarkommen. Wie Moritz, den ich hier kennengelernt habe; er ist auch Migrant und reist in seiner Freizeit wie verrückt um die Welt. Erst nach einigem Zögern erzählt er mir von seinem Berufsziel, weil das für die meisten klingt wie ein alberner Kindheitstraum: Astronaut. Bei mir bleibt kein Zweifel, dass es ihm nicht allein darum geht, das All zu erforschen (der Weltraum, unendliche Weiten...). Er will vor allem so viel Raum zwischen sich und sich selbst / seine Herkunft zu bringen wie in den Grenzen der heutigen Technik nur möglich. Die Erde aus 40.000 km Entfernung zu betrachten ist in jedem Fall eine neue Perspektive und sicherlich auch eine Art sich selbst auf den Kopf zu sehen.

Beziehige (Misverständnisse II)

Kürzlich erzählte mir ein deutsch-schweizer Pärchen von dem ersten und einzigen Mal, als in ihrer langjährigen Beziehung der Haussegen schief hing. Er verließ gegen 17 Uhr die Wohnung und verabschiedete sich mit den Worten: Bis gleich! Um 20 Uhr wurde sie unruhig, kurz vor zehn rief sie dann bei einer Freundin an und sagte: Mein Freund ist verschwunden, komm wir gehen uns besaufen. Anderthalb Stunden später kam der Anruf von ihm: Ich bin zuhause, wo bist Du? - Ich sitze mit B. am Fluss und saufe. - Au schön, ich komme auch. Er war sich keiner Schuld bewusst.
Der Hintergrund ist: in der Schweiz gibt es keinen Unterschied zwischen „bis gleich“, „bis später“ und „bis bald“, man sagt immer „bis nachher“. Dieser Schweizer machte den Fehler, es einfach immer ins hochdeutsche „bis gleich“ zu übersetzen, auch wenn er eigentlich „bis später“ oder „bis bald“ meinte.

Ich werde in Gesprächen immer wieder gefragt, ob ich denn Mundart verstehe. Das finde ich sehr höflich in jeder Hinsicht: 1. bietet man mir damit an, Hochdeutsch mit mir zu reden und 2. wird mir aber immerhin zugetraut Schweizerdeutsch zu verstehen. Weil ich es ja unbedingt (!) lernen möchte und es für mich also besser ist, wenn die Unterhaltung in Mundart weitergeführt wird, behaupte ich immer, dass ich fast alles verstehe. Obwohl die Rate dessen, was tatsächlich bei mir ankommt, stark variiert (je nach Herkunftsregion, Klarheit der Aussprache und Sprechtempo des Gesprächspartners und je nach meiner eigenen Konzentrationsfähigkeit). Vor drei Tagen erst habe ich auf die Frage nach dem Verständnis wieder eilfertig genickt. Mein Gesprächspartner zwinkerte mir zu und sagte: „Das hat meine Ex-Frau, die Deutsche ist, auch immer gesagt und erst nach Jahren habe ich festgestellt, dass sie gar nichts verstanden hat.“


(Kühe in Graubünden, (c) Mia)

Samstag, 5. September 2009

Falsche Früünde

Eigentlich wollte ich nun endlich mal was über das Schweizerdeutsche schreiben. Doch ich musste mir eingestehen: ich weiß noch viel zu wenig darüber. Weder kann ich die (sehr unterschiedlichen) Deutschschweizer Dialekte zuverlässig auseinanderhalten, noch will es mir gelingen, Sätze oder gar Gespräche zu transkribieren.

Was die Unterschiedlichkeit der Dialekte angeht, so ist ein intensives Zuordnungstraining hier überlebenswichtig. Denn es herrschen tiefgreifende Animositäten zwischen den einzelnen Völkchen, die zumindest für den Außenstehenden vollkommen undurchschaubar sind. Das führt natürlich dazu, dass ein Schweizer unter Umständen sehr beleidigt ist, wenn man seinen Dialekt nicht erkennt und etwa einen Stadtzürcher fragt, wo er denn herkomme. Wenn man einen Zürcher mal richtig ärgern möchte, muss man ihn nur arglos fragen, ob er ein Aargauer sei. Der Aargau ist ein hügelliger Kanton nordwestlich von hier, zwischen Zürich und Basel gelegen. Gegen seine Bewohner gibt es in Zürich viele Vorurteile, zum Beispiel sagt man, dass sie unmöglich Auto fahren und immer weiße Socken tragen. Oft wird „Aargauer“ einfach synonym verwendet für „Landei“ oder „Bauerntölpel“. Noch weniger gern aber hat der Zürcher Basel und die Basler, was dazu führt, dass er auf das Wort „Basel“ gerne mal mit „Was? Wo? Das kenne ich nicht.“ reagiert, so wie ein Gallier, der auf Alesia angesprochen wird. Es könnte sein, dass das etwas mit Fußball zu tun hat, was sich aber schwer verifizieren lässt, da eben keiner drüber redet. Jedenfalls behaupten Zürcher und Basler bei jeder Gelegenheit, dass der Dialekt des anderen arrogant klinge; Basler finden Züridüütsch hart, Zürcher finden Baseldüütsch deutsch, was eigentlich fast das Gleiche ist.

Hier gibt es jedenfalls Haufenweise Gelegenheit in Fettnäpfchen zu treten und es ist mir vollkommen schleierhaft, warum einer der ca. 2000 Benimm-Ratgeber für Deutsche in der Schweiz (habe leider vergessen welcher) dazu rät, bei einem stockenden Smalltalk das Gespräch auf die Dialekte zu lenken, weil dazu jeder etwas zu sagen habe. (Diese Bücher sind übrigens noch ein ganz eigenes Thema… Die Ratschläge klingen meist wie Befehle und nicht selten hat man das Gefühl, man soll auf eine Reise in die hinterletzte Ecke der Erde vorbereitet werden, wo bösartige, unversöhnliche Eingeborene einer seltsamen Religion anhängen und keinen Kontakt zur Außenwelt pflegen.)

Also, da ich über das Schweizerdeutsche noch (lange) nicht schreiben kann, berichte ich zunächst mal von einigen Schweizer-deutschen Missverständnissen. Immer wieder gerne erzählt wird etwa die Geschichte der Bekannten einer Kollegin. Als sie an ihrem neuen Arbeitsplatz in Zürich ankam, zeigte ihr der Hausmeister das Gebäude, gab ihr die Zugangscodes und verabschiedet sich schließlich vor ihrem Büro mit den Worten: „Sie bekommen dann noch ein Telefon von mir“. „O wie schön“, dachte sie, „ein zweites Telefon – vielleicht gar ein Betriebshandy?“ Stolz berichtete sie einer neue Kollegin, dass sie bald noch ein Telefon erhalten würde. Nach einer kurzen Nachfrage brach die Schweizer Kollegin in schallendes Gelächter aus: alles, was die neue Mitarbeiterin vom Hausmeister bekommen würde, war ein Anruf.

Mir wäre beinahe etwas Ähnliches passiert, als mein Chef mir erzählte, dass er an der Abdankung eines wenige Tage zuvor verstorbenen Dichters teilnehmen würde. Ich wollte ihn darauf hinweisen, dass der Mann tot war und daher sicher keinen Wert mehr auf eine förmliche Pensionierung legen würde; doch ich ahnte bereits, dass etwas faul war. Der Verstorbene war ja schließlich kein Politiker gewesen. Es stellte sich heraus, dass Abdankung das hier gängige Wort für Trauerfeier ist. In meinen Ohren klingt es noch immer makaber.

Und hier meine Lieblingsgeschichte: Eine schwangere Kollegin wunderte sich sehr, als sie ihre Mutterschaftsunterlagen unter der Überschrift ‚Buschi Schmidt’ zugestellt bekam. Handelte es sich um eine Verwechslung? Oder kannte die Krankenkasse ihren Vornamen plötzlich nicht mehr? Oder war das etwa ein skurriler Namensvorschlag für das Ungeborene? (Welche Unverschämtheit, noch dazu, wo das doch eher nach einem Pornostar klang, als nach einem respektablen neuen Mitbürger!) Nein, nichts dergleichen. Mein schlaues Büchlein mit schweizerischen Ausdrücken (Susann Sitzler: Aus dem Chuchichäschtli geplaudert. München und Zürich: Pendo, 2008) vermerkt unter Buschi: „Die meisten Buschi haben einen hohen => jöö-Faktor. Das gibt sich automatisch, wenn sie etwas größer werden und sich zu normalen => Goofen entwickeln. In den ersten Jahren findet man sie aber süß. Das gehört sich so für Babys. Buschi bedeutet ‚Baby’ auf Schweizerdeutsch […]“ Dies erklärt zwar einiges, es bleibt allerdings ein Mysterium des Alltags, dass mir noch kein Schweizer begegnet ist, dem dieses Wort geläufig wäre. Das erwähnte „Jöö“ hingegen ist sehr verbreitet und mein absolutes Schweizer Lieblingswort. Es drückt Rührung und Entzücken aus und zwar so gut, dass ich nie wieder „süß“ oder „ach je“ sagen möchte.

Ein richtiger Freund ist übrigens der Schweizer „Kolleg“. In der Schweiz bezeichnet man nur die engen Freunde als Freunde, alles andere sind Kollegen, auch wenn die mit der Arbeit überhaupt nichts zu tun haben. Bekannte wiederum sind dann nur die entfernten Bekannten. Eine Feier mit den Kollegen ist also nicht zwangsläufig eine Betriebsbesäufnis und man sollte auf keinen Fall beleidigt sein, wenn einen der neue Freund, den man von der Arbeit kennt, ‚nur’ als „miin Kolleeg“ vorstellt.

Sonntag, 16. August 2009

Planlos mit Velo

oder Fahrradfahren in Zürich I

Ich hatte mich eigentlich immer für eine großartige Fahrradfahrerin gehalten. Die Kunst besteht neben einer unumstößlichen Balance, welche die Hände am Lenker überflüssig macht und so Rauchen, Telefonieren und Gestikulieren während der Fahrt erlaubt, vor allem darin, ein feines Gespür dafür zu entwickeln, welche Regeln es einzuhalten und welche es zu übertreten gilt. In Berlin, so glaube ich ohne Bescheidenheit sagen zu dürfen, hatte ich dies zur Perfektion gebracht: Im Wesentlichen hielt ich mich korrekt an die StVO, nur im richtigen Moment benutzte ich kurz einen Gehweg oder eine Fußgängerfurt. Nur selten überquerte ich rote Ampeln und wenn, dann nie ohne mich mit einem Schulterblick davon überzeugt zu haben, dass keine Cops in der Nähe waren. Unvergesslich ist mir übrigens der Polizist, der mich anhielt, weil ich an der Kreuzung Mehringdamm/Blücherstraße die Straße bei Fußgängergrün auf der Fußgängerfurt überquerte – und dann auch noch in der falschen Richtung!

Noch bevor ich überhaupt hierher gezogen war, gab es für mich als Radlerin in Zürich ein böses Erwachen. Als ich vor nun schon vier Wochen zum ersten Mal versuchte, das Kreisbüro (Meldestelle) meines neuen Heimatkreises zu erreichen, wurde mir klar, dass meine Berliner Gewohnheiten hier nicht taugten und meine Gewissheit, auf dem Fahrrad schon immer irgendwie durch- und anzukommen, reine Überheblichkeit gewesen war. Die Schmiede Wiedikon, der historische Quartierskern in der Nähe meiner neuen Wohnung, liegt im Auge eines Sturms aus Baustellen und Einbahnstraßen. Da ich noch nicht wusste (und noch immer nicht sicher weiß), welche Regeln man (zumal angesichts einer gefährlichen Engstelle) getrost übertreten kann und welche Abweichungen zur sofortigen Ausweisung einer noch nicht gemeldeten Ausländerin führen würden, versuchte ich mich vollkommen korrekt zu verhalten. Panik erfasste mich angesichts zweideutiger Verkehrszeichen. Alle Straßen, die in die richtige Richtung führten, waren gesperrt. Ich schwitzte Blut und Wasser, bis ich mit Müh und Not den rettenden Hafen des Kreisbüros erreichte. Von meiner Souveränität war nichts geblieben.

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Wiedikon das Bermuda-Dreieck von Zürich ist: wer einmal drin ist, findet nie wieder heraus. Seltsame Strömungen bestehend aus kleinen gelben Pfeilen führen ihn so lange in die Irre, bis er vor Erschöpfung zusammenbricht. Hinein geht es seltsamerweise recht gut. Als ich das erste Mal abends mit dem Velo nach Hause fahren musste, sagte ein Zürcher Freund zu mir: es geht doch immer geradeaus! Ich habe ihn fast für verrückt erklärt und war sehr erstaunt, als ich seinen Anweisungen Folge leistend plötzlich vor meiner Haustür stand. Nur hinaus komme ich einfach nicht. Tagelang habe ich enorme Umwege auf mich genommen und neue Stadtviertel erkundet, weil ich glaubte, die kleinen gelben Pfeile seien alle für mich gemacht, und als anpassungswillige Zugezogene, wagte ich es nicht, sie zu ignorieren. Wie ein Stück Treibholz folgte ich den Strömungen, die mich weiter und weiter vom Kurs abtrieben.

In meiner Not griff ich dann bald zu dem billigen Trick, das Viertel einfach in der entgegengesetzten Richtung zu verlassen und so den Todesstrudel weiträumig zu umfahren. Dabei muss ich durch ein Quartier mit dem schönen Namen „Enge“. Ich war sehr überzeugt, dass die Bezeichnung nicht von „eng“ herrührt, sondern von einem Gebirge namens Engimatt. Schließlich gibt es in Enge auch die Engimattstrasse (ich lese noch immer: Enigma…) und schließlich denke ich bei „Matt“ sofort an Berge: Matterhorn, Zermatt und … mehr fällt mir grade nicht ein. Doch ich musste mich bald eines besseren belehren lassen. „Enge“ kommt tatsächlich von „eng“ und bezieht sich auf die Enge zwischen dem ehemaligen Seeufer und einem Hogger (Hügel). Und „Matt/Matte“ heißt keinesfalls Berg, sondern Wiese, eine solche kann sich natürlich am Hang befinden oder in der Ebene. Im Fall des Matterhorns befindet sie sich übrigens am Fuße des Berges; es handelt sich also nicht etwa um einen schneebedeckten fiktiven Garten, wie den vom Vreneli.

Nun durchquere ich jeden Tag die Enge, grüße hinter dem Bahnhof die Schafe, die dort auf einem Hang mitten im Wohngebiet weiden, und freue mich auf dem Heimweg bei Regen über einen dampfenden Üetliberg. Immer wieder versucht ein freundlicher Zürcher mich darauf hinzuweisen, dass es doch viel schlauer wäre, die Sihl nördlich von meiner Wohnung zu überqueren und so das Viertel direkt in Richtung Innenstadt zu verlassen. Doch ich lasse mich nicht mehr ins Bockshorn jagen: ich weiß genau, in dieser Richtung gibt es keinen Fluß, sondern nur Stadtautobahnen und jede Menge kleiner gelber Pfeile, die wie Irrlichter meinen Untergang betreiben.


dampfender Üetliberg bei Regen von Enge aus gesehen

Samstag, 15. August 2009

Nachtrag zum "Schwarzen Tag"

Einige Tage später:
Seit ich gehört habe, was hier Handwerker verdienen (zurecht! können sie hier von der schweren körperlichen Arbeit noch leben und eine kleine Familie versorgen), stelle ich mir vor, ich werde Zimmermann, wenn bald die Lektoren aussterben. Eigentlich heißt das, glaube ich, Zimmerin bei Frauen. Das wollte ich heimlich schon immer. Die haben die besten Arbeitsklamotten und man kann auf die Walz gehen.

Meine Mutter hat zwischen den Büchern meiner Großeltern ein kurioses altes Heftchen mit dem Titel „Schweizer Witz“ (gesammelt von Fritz Herdi, Ernst Heimeran Verlag 1968) gefunden und mir geschickt. Dass die Witze überhaupt nicht lustig sind, liegt vermutlich an meiner mangelnden Kenntnis der regionalen Eigenarten. Befremdlich sind aber auch die Übersetzung ins Hochdeutsche und die Anmerkungen für Nicht-Schweizer. Vermutlich werde ich noch öfter daraus zitieren. Hier kommt jedenfalls ein Geschichtchen, das ich gestern bei der Toilettenlektüre durch Zufall (!) entdeckt habe (Anmerkung von Fritz Herdi):

„Handwerker führen Reparaturen an der Fassade des Zürcher Stadthauses aus. Der Stadtpräsident kommt gegen neun Uhr des Wegs und ruft leutselig hinauf: ‚So, was macht ihr denn da oben?’ ‚Znüniessen!’ (Zwischenverpflegung um neun Uhr). ‚Donnerwetter meint das Stadtoberhaupt, ‚ihr habt’s aber gut!’ ‚Na ja’, schallt es vom Gerüst herunter, ‚hätten Sie etwas Richtiges gelernt, so könnten Sie jetzt auch futtern!’“

Mittwoch, 12. August 2009

Schwarzer Tag

Dieser Montag beginnt mit der Nachricht, dass der Verlag, in dem ich arbeite, im nächsten Jahr schließen wird. Der Schock sitzt tief und meine Immigranteneuphorie erhält einen schmerzhaften Dämpfer. Zu behaupten, dass ich nun Zürichs Schattenseiten kennengelernt und seine dunklen Geheimnisse gelüftet habe, ginge vielleicht ein bisschen weit. Doch ich muss erkennen, dass die Stadt eben doch kein Paradies ist, kein geschütztes Eldorado für Kunst und Kultur, wo traditionell arbeitende unabhängige Kleinverlage noch hochwertige und hochpreisige Juwelen herausbringen können, ohne sich um die Zwänge des Marktes zu scheren.

Zürich schützt nicht vor Arbeitslosigkeit und ich bin mir sicher, dass es sich in keiner Stadt der Welt als Arbeitloser schlechter lebt als hier, wo alle anderen Beschäftigung und genügend Geld haben. Nicht wie in Berlin, wo man quasi unter seinesgleichen wäre, weil fast alle arbeitslos sind oder Freiberufler, die dann trotzdem erst um halb elf aufstehen, den ganzen Tag in Cafés rumhängen und eventuell auch von HartzIV leben. Eigentlich sind der einzige Unterschied die MacBooks. In Zürich rekrutiert sich vermutlich das gesamte Prekariat aus mir und einer Handvoll anderer Verlagsvolontäre von Kleinverlagen. Grund zur Panik gibt es eben doch überall, auch in Zürich.

Es ist ein schwarzer Tag nicht nur für mich und meine Kollegen, sondern für die gesamte deutschsprachige Literaturlandschaft. Die Schließung hat nicht in erster Linie wirtschaftliche Gründe und doch kündet sie als Fanal von einschneidenden Veränderungen in der Verlagswelt. Mir wird klar, dass ich mich auf einem sinkenden Schiff befinde: mein Lebenstraum ist ein Beruf, den es bald nicht mehr geben wird. Melancholie bei 30 Grad.

Dieser Montag endet mit einer Blutlache an der Haltestelle Waffenplatzstraße. Unfälle gibt es überall, auch in der Schweiz, wo alles geordnet und geregelt ist. Dennoch erscheint mir das rote Blut an diesem Abend wie ein wichtiges Zeichen. Nur kann ich es nicht entziffern.

Sonntag, 9. August 2009

Street Parade: Techno ab ins Altersheim?



Jedes Jahr im Spätsommer teilt sich die Zürcher Bevölkerung für ein Wochenende in zwei Lager, die sich mit völligem Unverständnis, wenn nicht gar mit Feindschaft begegnen. Während die eine Hälfte der Stadtbewohner bereits am Donnerstagabend panisch ins Hinterland aufbricht, freuen sich die anderen schon das ganze Jahr auf drei Tage Party. Als ich ahnungslos an eben jenem Wochenende meine Einweihungsfeier ansetzte, erntete ich von letzteren entsetzte Reaktionen. „Aber da ist doch Street Parade!“ – „Die ist doch am Samstag, meine Feier am Sonntag!?“ – „Aber da sind wir doch müde!!!“ Diejenigen meiner Freunde, die zur anderen Hälfte der Zürcher gehören, zeigten sich deutlich kooperationsbereiter, indem sie alle versprachen, ihre Kurztrips zu verkürzten, um am Sonntagabend rechtzeitig zum Brätele (Grillen) bei mir zu sein.

Ich war ja eigentlich der Meinung, Techno-Paraden seien kurz nach der Jahrtausendwende untergegangen. Doch in Zürich, so lasse ich mir sagen, sei das alles ganz anders. Hier kämen immer noch jedes Jahr 1 Million Menschen zu einer solchen Veranstaltung; hier wäre das noch nicht kommerzialisiert, jedes Love Mobile gehöre zu einem Zürcher Club oder höchstens zu einem Radiosender (und sei also nicht nur Werbeträger für multinationale Getränkehersteller o.ä.) und – am wichtigsten: hier sei es noch eine Party der Techno-Fans und kein Familienfest wie ihn Berlin, wo es einfach zu viele kleine Kinder gäbe. In Berlin sei die Love Parade also an der Verbürgerlichung der Fans zugrunde gegangen, höre ich heraus. Mit meinen zugegebenermaßen provokativen Einwand, dass vielleicht die Street Parade noch am Leben sei, weil die Schweiz hier wie in anderen Dingen (sagt zumindest das Klischee) einfach zehn Jahre Verspätung habe, ernte ich nur eisiges Schweigen.

Also will ich der Sache eine Chance geben: feiert man hier tatsächlich lebendiger, anarchischer und bunter als bei allen anderen Techno-Events? Die Vorabrecherche auf der offiziellen Website des Vereins bringt Ernüchterndes zu Tage. Unter der Rubrik „Tun und Lassen“ werden nicht nur Wasserpistolen und Trillerpfeifen geächtet, nein es wird auch vor Alkohol und Drogen gewarnt (vor allem in Kombination), es wird dazu aufgefordert Ohren vor Lärm und Wangen vor Sonneneinstrahlung zu schützen, nicht an Hauswände zu pinkeln und immer schön nett zueinander und auch zur Stadtausstattung zu sein („keine kletterübungen: An der Parade könnt Ihr zwar ruhig abheben, aber bitte verschont die Ampeln, Verkehrssignale, Bäume und Wartehäuschen.“). Und auch die Stadt tut ihren Teil, um Ordnung zu bewahren: Jene Bäume und Büsche entlang der Strecke wurden bereits vor Tagen mit Bauzäunen weiträumig abgeriegelt (damit sollte es zwar gelingen, das Besteigen weitgehend zu unterbinden, die durchschnittliche Pissweite eines biergefüllten Paradisten wurde jedoch signifikant unterschätzt). Ein seltsames Bild ist das im Vorfeld: das Grün so geschützt zu sehen vor einem noch gar nicht vorhandenen Angriff. Es ergreift mich die Vermutung, dass vor allem geordnet gefeiert wird.

Am Tag der Parade selbst, regnet es bereits morgens in Strömen. Nur aus Pflichtbewusstsein kämpfe ich mich durch die abgesperrten Seitenstraßen bis zum See vor, von wo laute Musik zu hören ist (übrigens meist nur wenige, zum Teil altbekannte Hits und kein innovativer Anarcho-Sound). In der Seehofstrasse stehen zwei junge Männer mit griesgrämigen Gesichtern und nackten Oberkörpern unter einem Vordach und wringen gemeinsam ihre T-Shirts aus. Die Räume zwischen den Love Mobiles sind weit und nur wenige Tänzer bieten dem Wetter hartnäckig die Stirn, oben ohne oder mit Plastiküberzug. Durch den Regen ist es, als hätte jemand im Club das Licht angemacht: man kann sich nicht in Alkoholrausch und blendendem Sonnenschein verlieren, sondern muss in der grauen Nässe gnadenlos erkennen, wie absurd das eigene Tun ist. Natürlich haben auch hier die großen Getränkehersteller ihre Finger im Spiel und die Aufforderung "Enjoy Heineken responsibly" an den grünen Ständen, erscheint mir ziemlich schizophren und enthält gleich zwei Dinge, die wenn nicht gleich nicht lebendig, so doch zumindest in keiner Weise anarchisch sind: Kommerz und maßvolle Ordnung. (Tatsächlich landen nur 63 von 600.000 Besuchern wegen zuviel Alkohol bei den Sanis. Nur wenige mehr als wegen Unterkühlung behandelt werden mussten...) Ich besichtige noch andere Orte, doch nur an einer Stelle kann mich die Stimmung kurz packen: an der Münsterbrücke spielt jemand Techno unplugged. Und obwohl die Hauptschuld sicherlich den Regen trifft, bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass das Paradesterben auch die Schweiz bald erreichen könnte.


Regenschutzlösungen bei Street Parade-Besuchern