Freitag, 1. Juli 2011

Wundertag

Auf dem Nachhauseweg sind mir heute einige merkwürdige Dinge begegnet. Wenn das ein Film wäre, würden sie mir sagen, dass der Mann, den ich gestern verlassen habe, doch der Richtige für mich ist. Wenn das ein Kinderbuch wäre, würden sie mir sagen, dass ich heute Abend oder spätestens morgen früh Besuch von einem bizarren Wesen bekomme und ich mir schon einmal überlegen sollte, was ich mir wünschen werde.

Ich muss mir allerdings gar nichts überlegen. Ich weiß zu jedem Zeitpunkt meines Lebens, was ich mir wünschen würde. Ich finde Menschen seltsam, die das nicht wissen – so als wäre es nicht das Allerwichtigste, sofort einen Wunsch parat zu haben, wenn es eine Gelegenheit gibt. Rosa Autos sollen gute Glücksbringer sein, besonders alte. Und natürlich auch Sterne: der Abendstern und Sternschnuppen. Flugzeuge tun’s auch, wenn sie als erstes Licht am Himmel auftauchen und wie Sterne aussehen. Man kann sich auch in Tunnels etwas wünschen, wenn man die Füße hochhebt und dabei den Atem anhält, habe ich mal gehört. Natürlich, wenn man Geburtstagskerzen ausbläst und einen Milchzahn verliert. Oder vielleicht wird man einfach nur von einem geliebten Menschen gefragt, was man sich wünschen würde, wenn eine gute Fee vorbeikäme. Dann muss man doch etwas antworten können! Wie öde wäre es denn, zu sagen: Möh, keine Ahnung... Und was würde das über einen aussagen? Wünschen ist Ausdruck von Hoffnung, Wünschen ist immer ein Blick in die Zukunft, wie irreal er auch sein mag. Nur innerlich tote Menschen wissen nicht, was sie sich wünschen würden.

Auf dem Nachhauseweg heute begegnete mir ein Bauarbeiter oder ein Verkehrstechniker in einer kurzen Hose, aus orangefarbenem, reflektorbewehrtem Schutzjackenstoff – so wie diese Jacke hier. Und ich habe mich gefragt, ob die Schweizer Bahn oder die Zürcher Verkehrsbetriebe eine extra Schutzkollektion für den Sommer herstellen lassen oder ob die Bauarbeiter- oder Verkehrstechnikergattin auf diese gewitzte Variante für die heißen Tage gekommen war und diese auf ihrer Bauarbeiter- oder Verkehrstechnikergattinnennähmaschine selbst hergestellt hatte. Und wie sieht es eigentlich mit der starkstromableitenden Schutzwirkung aus, wenn nur noch das halbe Bein bedeckt ist? Und was wusste die Bauerbeiter- oder Verkehrstechnikergattin darüber? Ist die Hose ein Liebesbeweis oder ein ausgeklügelter Mordversuch?

Auf dem Nachhauseweg heute begegneten mir des Weiteren zwei Tauben, die obwohl gesund aussehend, mitten auf der Straße beieinanderstanden und dort einfach stehenblieben und mich aus schwarzen Perlenaugen fragend anguckten, als ich sie mit dem Boden meiner vom Fahrradlenker baumelnden und mit Salat und Milch und Bier prall gefüllt Coop-Papiertüte streifte. Diese Papiertüten heißen hier Sack und im Gegensatz zur kleinen Plastiktüte (Säckli) bekommt man sie nicht umsonst angeboten. »Säckli welle?«, lautet die notorische Supermarktfrage, über die die meisten (nur) des Hochdeutschen mächtigen Touristen hier immer stolpern. (Es gibt noch eine zweite, die ich allen potenziellen Besuchern schon einmal erklären möchte: »Subbrkahd?« oder wahlweise »Kchummulus?« - Das sind Schweizer Payback-Systeme, die man als Besucher nicht verstehen muss. Einfach mit »Nä-ä« antworten, dann sind Sie auf der sicheren Seite.)

»Säckli welle?«, heißt auf Hochdeutsch »(Haben Sie) eine kleine Tüte gewollt?«. Ich befürchte immer, dass, wenn ich Ja sage, mir geantwortet wird: »Tja, nun ist es zu spät. Pech gehabt.« Im Märchengarten des blühenden Barock in Ludwigsburg – einem von zwei beliebten Grundschulausflugszielen (CH: Primarschulausflugszielen) in der Umgebung von Stuttgart - gab es früher einen Turm mit der Station »Rübezahl« darin: Man stand dort vor einem Gitter, hinter dem die (Pappmaché-)Felswand verführerisch glitzerte. Eine donnernde Stimme fragte aus dem Off: »Willst du Gold und Edelsteine?« Wenn man dann Ja sagte (oder auch irgendetwas anderes oder auch gar nichts), kam sogleich die fiese Antwort: »Aber du bekommst Sie nicht. Huahuahuahua....« Es würde mich interessieren, ob Kinder heute noch immer diese hochinteressante Lektion lernen – und mit Lektion meine ich jetzt nicht: Man kann nicht alles haben. Sondern die überraschende Feststellung, dass im allgemeinen Sprachgebrauch die Frage impliziert, dass man Gold und Edelsteine oder eben Säckli zu vergeben hat, dass also wörtliche Bedeutung und pragmatische Bedeutung sich unterscheiden können.

Liebe und Tod liegen nahe beieinander, in der Literatur und auf der Straße, wo eine vielleicht gutgemeinte kurze Schuzhose vielleicht eines Tages einen Bauarbeiter oder Verkehrstechniker töten wird und wo verliebte Tauben mit fragendem Blick das Auto anglotzen, das sie gleich überrollen wird. Im Kinderbuch wird nicht so viel gestorben, dafür darf man sich etwas wünschen, wenn man merkwürdige Dinge sieht. Ich wünsche mir etwas, ich weiß auch schon was, aber verraten darf ich es natürlich nicht.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Statt Kaffee und Gipfeli

Kaffee und Gipfeli ist out - wie man unschwer erkennen kann. Als Blog eingeschlafen und als Frühstück offenbar langweilig und viel zu konventionell. Dieses Schild stellte ein Metzger im Zürcher Hauptbahnhof am Montagmorgen vor die Tür. "Prost, Edward", dachte ich sofort. Interessantes über Edward gibt's übrigens hier. Und ob Kaffee und Gipfeli vielleicht noch ein ewiges Leben als Untote beschieden ist, wird sich jetzt zeigen.

Sonntag, 11. Juli 2010

Jahrestag

Nun, da das Turnier für die deutsche Mannschaft definitiv vorüber ist, kann ich endlich wieder bloggen. Denn, wie wäre das vorher möglich gewesen, ohne farbenblinde Prognosen abzugeben (dafür gibt es ja schließlich Oktopoden) und ohne übers Fußballgucken im Ausland und den wenig patriotische Gefühle auslösenden Anblick schreiender deutscher Fans im Zürcher Hauptbahnhof (Olé – olé, olé, olé, Super-Deutschland, olé) zu philosophieren? Wie hätte ich vermeiden können, über Dinge zu fachsimpeln, von den ich keine Ahnung habe, wie Fouls, ungewolltes Handspiel und Abseitsfallen? (Hier übrigens nur auf Englisch: Hands, Offside, Out.) Antwort: Gar nicht. Also habe ich das Problem lieber ausgesessen. Früher oder später musste es sich ja von alleine lösen.

Unterdessen bin ich schon ein Jahr hier – und habe es gar nicht gemerkt! Eine Freundin musste mich darauf aufmerksam machen, ein Mitglied jener vermeintlichen Schauspieltruppe, die mich an meinem zweiten Abend in der Stadt überfallen und eingekesselt hatte. Sie war es auch, die berechtigterweise ein Bilanz-Posting einforderte.

Und nun? Was gibt es zu bilanzieren? Ich bin nicht mehr neu hier, die Routine macht sich breit. Ein Sonntag in der Badi wie heute ist einfach ein normaler Sonntag und kommt mir nicht mehr vor wie der beste Urlaub meines Lebens. Es erstaunt mich kaum noch, dass man im See baden und dabei in die Alpen gucken kann. Die Aussicht von der Rudolf-Brun-Brücke auf die Altstadt zu beiden Seiten raubt mir nicht mehr den Atem und im Niederdorf schlängele ich mich zielstrebig durch die Touristenströme ohne links und rechts zu gucken. Brauche ich vielleicht Urlaub von der schönsten Stadt der Welt? Oder muss man alle Jahre umziehen, um sich Entdeckerdrang und Euphorie zu bewahren? Und wie lange hält man das durch?

genau ein Jahr her: Touristenfoto von der Rudolf-Brun-Brücke

Vor wenigen Tagen habe ich meine zweite Schweizer Stelle angetreten. Auch diese befristet, damit wenigstens im Job keine Gewöhnung aufkommt. Und wie um mich zu erinnern, wie außergewöhnlich schön die schönen Seiten Zürichs sind, gibt mir die neue Stelle die Möglichkeit die hässlichere Seite kennenzulernen: die Peripherie. Zersiedelte Landschaften voller Industriegebiete und kernloser Ortschaften. Stickige S-Bahnen voller graugesichtiger, anzugtragender Pendler. Fast wehmütig und mit Peter Fox im Ohr gedenke ich der Berliner Partyleichen, die mich samstags um 9.30 auf dem Weg zur Frühschicht an der Haltestelle begrüßten. Wobei, solche hat Zürich eigentlich auch zu bieten. Die fahren halt nicht S-Bahn, sondern sitzen um kurz nach 8 vor der Gräbli-Bar und spucken aufs Trottoir.

Aber nach einem Jahr ist nicht nur die (blinde?) Ankunftseuphorie verflogen, sondern es ist auch etwas passiert, was die erste Stufe vom Heimischwerden ist: Ich habe Erinnerungen an diese Stadt, romantische und unromantische, schöne und unangenehme. Bestimmte Plätze verbinde ich mit Menschen, Wege erscheinen mir viel kürzer als vor einem Jahr, Gebäude kleiner, Straßenführungen weniger verwirrend. Nach einem Jahr bin ich also nicht mehr neu hier und ganz sicher nicht verloren, aber fremd bin ich noch immer oder vielleicht jetzt erst recht. In Berlin wird man als Zugezogener erst heimisch, weiß Lea Streisand (vgl. "Weihnachten in der Heimat"), wenn man sich dort reproduziert hat und an Weihnachten nicht mehr nach Hause fährt. In Zürich ist es die Sprache: Heimisch ist, wer nicht gleich am Grüezi als fremder Fötzel erkannt wird. Und wer dann noch ein Bier bestellen kann, ohne aufzufallen, der hat fast schon Wahlrecht.

Ich arbeite dran.

Samstag, 29. Mai 2010

Ehrenrettung eines Kantons

Der Aargau ist hässlich, langweilig, flach und von konservativen Landeiern bevölkert. Eigentlich ist er nur dazu da, dass man im Zug von Zürich nach Basel oder Bern in Ruhe frühstücken kann. Aussteigen? Im Aargau? Aber wozu denn? – Soweit die Meinung der Zürcher. Nun kann ich stolz sagen: Ich habe es gewagt. Fast zwei Tage habe ich in dem verrufenen Kanton verbracht, unterwegs zu Fuß und mit dem Fahrrad. Und ich kann nur sagen: Der Aargau wird seinem Ruf nicht gerecht. Es gibt Hügel, Flüsse, sehr hübsche Barockklösterchen und schnuckelige Altstädte.

Panoramablick auf Baden AG

Ich vermute, der Schweizer an sich ist so verwöhnt von den pompösen Berglandschaften, dass ihn eine Hügel- und Flussregion einfach nicht mehr vom Hocker reißt. Dass der Aargau als hässlich gilt, liegt natürlich nicht nur am Mangel an nennenswerten Erhöhungen, sondern vor allem an der Industrie. Das Panorama des Limmattals ist tatsächlich recht verschandelt durch die ganzen Fabriken. Und es gibt zugegebenermaßen auch merkwürdige Dinge im Aargau, viele Hundesalons zum Beispiel. Es gibt Taubenzüchter, die ihr weißes Prachtstück „Princess“ rufen. Und dass jeder Ort eine eigene Aktiengesellschaft ist, kann man natürlich kapitalistisch finden.

Aber es gibt im Aargau auch lässige Leute. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen! An einem Kiosk an der Limmat, der so was wie der obere Letten von Baden ist. Und es gibt zwar Atomkraftwerke im Aargau, aber dafür gibt es auch Atomkraftgegner. Mit ein paar Tausend davon habe ich am Pfingstmontag demonstriert. Natürlich kamen die nicht alle aus der Gegend. Einige waren wohl aus Zürich. Und einige waren aus Deutschland angereist. (Woran ich erkenne, dass sie angereiste Deutsche waren und keine Immigranten? Niemand, der hier lebt, würde so Dinge sagen wie: „Ich hab Dir doch gesagt, in der Schweiz geht alles langsamer, auch die Demonstrationen.“) Aber unter den 5000 müssen doch auch ein paar aufrechte Aargauer gewesen sein. Und dann gab es noch die Anwohner am Wegesrand, die uns mit Transparenten begrüßt und bei sengender Hitze mit Trinkwasser versorgt haben.

Wenn man alles in Betracht zieht und Altstädte gegen AKWs, Hundesalons gegen Hügel und Fabriken gegen Flüsse abwägt, muss man wohl mit Pater Brown Bilanz ziehen: hübsch-hässlich habt Ihr’s hier! Mich jedenfalls, die die Winter in Ostberlin kennt und die Fabriklandschaften Baden-Württembergs, kann das nicht abschrecken. Ich werde wieder mal im Aargau aussteigen. Auch wenn’s keiner meiner Zürcher Freunde versteht.


hübsch-hässlicher Radweg an der Autobahn

Mittwoch, 26. Mai 2010

Neulich im Ausgang

Keine Angst, liebe Deutsche, Ihr gewöhnt Euch noch an das Wort. Ihr müsst es nur noch ein paar Mal lesen oder hören und schon klingt es ganz normal und nicht mehr nach Gefängnishof oder grünen Exit-Schildern. Eigentlich heißt es ja auch Uusgang und nicht Ausgang, aber das kann man irgendwie nicht schreiben und schon gar nicht in einem ansonsten hochdeutschen Text. (Ich nehme mir an dieser Stelle fest vor, eines Tages einen Blogeintrag komplett und ernsthaft in Schweizerdeutsch zu verfassen. Vielleicht poste ich sogar eine unkorrigierte und eine professionell korrigierte Version - das wäre sicher lehrreich.) Es nimmt mich noch Wunder, ob mit der Deutschenschwemme nicht eh ein neues Pidgin entsteht, in dem Ausgang ganz normal tönt und man sich höflich für das Telefon bedankt, wenn man angeläutet wird.

Was ich aber eigentlich erzählen wollte, Achtung, ist dieses: Ich habe das Kaffee Burger von Zürich entdeckt. Der Spunten heißt Meyer's und befindet sich am Lochergut. Und wie alles in Zürich, ist es natürlich noch viel besser und viel originaler als die Berliner Inkarnation. Im Meyer's kann man schon abends um 10 Koordinationsschwierigkeiten und Kommunikationsbedürfnisse (verbaler und physischer Natur) beobachten wie im Kaffee Burger morgens um halb fünf. Noch während meine Mitbewohnerin und ich an einem Freitagabend unsere Fahrräder an der Ecke abstellen, kommt ein Mann mit Hund auf uns zugeschossen und fragt, ob wir ins Meyer's wollen. Denn in dem Fall müssten wir nach der ersten Stange gleich wieder rauskommen und einen mit ihm kiffen. Unbedingt.

Innen haben wir noch nicht einmal richtig an der Bar Platz genommen, schon sind wir mit unseren Nachbarn in eine Diskussion über das angemessene Getränk und die universelle Unaufrichtigkeit verwickelt. (Trinken: Was schon? Natürlich geht nur Bier in irgendeiner Form. In schummrigen Laden mit dunkel gebeizter Holzbar und bunten Lampen trinkt man doch keinen Sekt-Aperol! Unaufrichtigkeit: Führen wir nicht alle ein Doppelleben?) Einer von beiden trinkt jedenfalls den ganzen Abend Cola, die er mit einem bunten Cocktail-Stäbchen umrührt, vielleicht damit die Kohlensäure rausgeht. Vermutlich versucht er, wieder nüchterner zu werden - der Abend ist ja schließlich noch jung. Er hängt fast auf dem Tresen, richtet sich immer mühsam auf, um das Glas zum Mund zu führen und stößt sich dabei jedesmal das giftgrüne Stäbchen neben dem rechten Auge tief in die Wange. Er fragt uns aus und hat zu allem einen Kommentar in petto. Buchbranche? Jaja, John Irving hat ein neues Buch geschrieben, das ist wohl genau der gleiche Scheiß wie die anderen von ihm, und auch genauso lang, hab ich gehört, das muss ich doch nicht lesen. Was liest du denn gerne? Martin Suter? (Nein.) Thomas Hürlimann? (Ja. Und dann auch noch ein paar nichtschweizerische Autoren, aber lassen wir das...) Und wenn ich jetzt ein Buch schreiben würde, müsstest du dann entscheiden, ob man das druckt oder nicht? (Bitte, bitte schreib kein Buch!) Aber kannst du das überhaupt, woher willst Du denn wissen, ob das gut ist oder nicht? Wenn Du jetzt mein Buch ablehnst, und dabei ist das der Hammer und wird ein Bestseller, dann ärgerst du dich doch. Fliegst du dann raus?...

Sein Kumpel ist wesentlich nüchterner, wesentlich wortkarger und wesentlich sympathischer, aber viel weniger unterhaltsam. Der Mann mit Hund gesellt sich schließlich auch noch zu uns. Er ist ein Engelmedium, findet die Schweizer Flüchtlingspolitik faschistisch und hat eine deutsche Fast-Ex-Freundin. Du bist übrigens auch ein Engel, sagt er. Ich sage, ja schon, aber nur als Metapher. Er sagt, jaja, genau, eine Metapher. Ich wüsste furchtbar gerne, was die Engel so erzählen (vor allem, wenn sie eigentlich Metaphern sind - endlich Einblick in das geheime Innenleben der Metaphern!), aber er will keine konkreten Informationen herausrücken.

Nach einigem Hinundher und sehr merkwürdigen Diskussionen endet der Abend so: Der Colatrinker kommt nach dem Rauchen mit dem Engelmedium einfach nicht zurück, seine Jacke ist noch da. Der ruhige Kumpel versucht es erfolglos auf seinem Handy. Das Engelmedium selbst wird von seiner deutschen Fast-Ex-Freundin angerufen und versinkt in einem wirren Krisengespräch. Wir nutzen die Gelegenheit zum Aufbruch.

Wie gut, dass ich jetzt weiß, wo man hier so hingeht, wenn man mal dringend auf der Suche nach (absurden) Gesprächspartnern ist, und wie gut, dass man gar nicht bis halb fünf wach bleiben muss.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Nostalgie und Tränengas



Am 1. Mai war ich demonstrieren. Es ging gegen die Banken, also gegen Boni, gegen Schwarzgeld und gegen Staatshilfen zur Rettung von Geldinstituten. Als ich mich auf den Weg machte, wusste ich das allerdings noch gar nicht so genau. Ich ging hin, weil 1. Mai war, und am 1. Mai geht man nunmal raus (wenigstens 1 Mal im Jahr) und zeigt, dass man noch da ist, dass man noch links ist und sich immer noch mehr soziale Gerechtigkeit wünscht. Das Linkssein wurde mir dann aber doch zum Problem, als ich, in einem Meer von roten Fahnen stehend, von der venezolanischen Frauenministerin mit donnernder Stimme darauf hingewiesen wurde, dass in Venezuela des Sozialismus des 21. Jahrhunderts entstünde. Vier Frauen seien dort an der Macht – neben dem Commandante Hugo Chavez. Ohne viel über Venezuela zu wissen, machten mich allein ihre Emphase und ihre faktenarme Rede misstrauisch, ganz zu schweigen von dem Personenkult um Chavez. Später sangen um mich herum mit gereckten Fäusten Kleinunternehmer, Selbstständige und Wissenschaftler die Internationale. Naja, ok, 2 VBZler (öffentlicher Nahverkehr) waren auch in Sicht. Ich, Gewerkschaftsmitglied, schwieg.



Auch wenn ich inhaltlich mit den Forderungen der anderen Rednerinnen (die grüne Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber und die Gewerkschaftsfunktionärin Vania Alleva) hundertprozentig übereinstimme, störte mich doch der anachronistische Schleier, der unverkennbar über der ganzen Veranstaltung lag. Pathos und Ästhetik stammten direkt aus Blockzeiten. Im Tagesgeschäft herrscht bei Gewerkschaften und Parteien Pragmatismus; einmal im Jahr braucht man offenbar ein wenig Nostalgie. Solange die bürgerlichen Parteien die 'gute alte Zeit' und ihre Werte gepachtet haben und die religiösen die Transzendenz, kommt die Linke offenbar vom Klassenkampf nicht los.

Ebenfalls anachronistisch und wirklichkeitsfern erschienen mir die Straßenschlachten, die sich am späteren Nachmittag im Langstrassenquartier entzündeten. Als kreuzberggestählte Zuzüglerin war ich mir sicher, dass mich nichts überraschen kann. Ja, eigentlich hatte ich all die Befürchtungen und Warnungen im Vorfeld, all die noch immer entgeisterten Erzählungen von den Ausschreitungen der Vorjahre für maßlos übertrieben gehalten, für einen Reflex gegen alles, was die schweizerische Ordnung und Gemütlichkeit stört. (Und im Zweifelsfall ein willkommener Anlass für gewisse Leute, nach mehr Polizeipräsenz zu rufen.)Doch wie schon im Hinblick auf das Fahrradfahren im Autoverkehr musste ich einsehen, dass Zürich doch das härtere Pflaster ist. Wirklich wahr. Die Polizei sah genauso vermummt aus wie gewohnt, nur in blau. Und sie ging härter vor als die Berliner Cops (zumindest in den letzten Jahren): Wasserwerfer wurden sowieso eingesetzt, aber auch Tränengas und Gummigeschosse. Kreuzungen wurden innerhalb von Sekunden abgeriegelt, Menschen eingekesselt. Ausscherer und Provokateure lagen in Nullkommanichts unter einem Menschenhaufen aus wütenden Zivilbeamten. Es war so ungemütlich, dass ich nicht einmal lange zusehen wollte (und das lag nicht am Regen).

Das eindrücklichste Erlebnis an diesem Tag waren aber nicht die roten Fahnen oder die schwarzen Gesichtsmasken, sondern das unwahrscheinlich und fast erschreckend leuchtende Grün der nassen Blätter und Wiesen, das mich auf dem Nachhauseweg am Sihlufer umgab. Man sollte viel öfter im Regen spazieren gehen; Nostalgie und Tränengas reichen dann doch einmal im Jahr.

Mittwoch, 21. April 2010

Sechseläuten - Schweizer Brauchtum III


Die Schweizer verkleiden sich gerne. Ob das wohl mit einer umfassenden und uralten Schweizer Identitätskrise zu tun hat? Bestimmt. Aber das ist ein anderes Thema und dazu ein andermal. Vergangenen Montag jedenfalls marschierte ein Haufen Männer in historischen Kostümen zu Blasmusik durch die Zürcher Innenstadt. Manche waren auch hoch zu Ross unterwegs. Sie trugen Lockenperücke und Gehröcke, große Hüte, Hellebarden und, äh, Palästinensertücher. Ja, einige waren als Araber verkleidet, aber ungefähr so liebevoll, wie ich und mein Bruder in jenem Jahr, als der Kinderfasching so plötzlich und unerwartet kam. Ein Nachthemd, ein Pali-Tuch, eine schwarze Kordel mussten als Notlösung herhalten. Ich habe dann altklug verkündet ich sei ein Scheich aus der Wüste, während mein vier Jahre älterer Bruder vermutlich würdevoll den vollständigen Namen von Hadschi Halef Omar rezitierte.

(Natürlich wäre ich viel lieber als Prinzessin gegangen, aber vermutlich fand meine Mutter das irgendwie unemanzipiert und süßlich. Nur einmal durfte ich tatsächlich ein rosa Rüschenkostüm tragen, musste aber wegen der Kälte eine braune Mütze dazu aufsetzen, die natürlich das gesamte Outfit zerstörte. Vermutlich fühlte meine Mama so ähnlich wie dieser geplagte Vater und dabei gab es doch damals noch gar keine Prinzessin Lillifee. Naja, zurück zu Hadschi Halef Omar.)

Von Karl May schien irgendwie auch das Orientbild dieser Zürcher Reiter zu stammen. Sie gehörten der Zunft zum Kämbel an, die ein Kamel im Wappen trägt. Es handelt sich um eine Händler- und Fuhrleutezunft und so scheint es zunächst halbwegs logisch zu sein, dass sie sich das Kamel als Wappentier gewählt haben… Lastentiere, Karawanen usw. Doch ursprünglich bedeutete Kämbel gar nicht Kamel, sondern Angoraziege, weiß Wikipedia. Warum eine Angoraziege allerdings ein sinniges Wappen für eine Händlerzunft sein soll, lässt die Netzenzyklopädie offen. Jedenfalls gab es vermutlich keine frühzeitigen Nahostkontakte der Zunft zum Kämbel und somit ist die Karl-May-Assoziation ja recht angebracht...


Das Sechseläuten ist der Tag der Zünfte. Von denen gehen einige tatsächlich auf Handwerkervereinigungen zurück, wie man als Laie erwarten würde. Aber daneben gibt es auch eine Gesellschaft der Edelleute und Ritter, die Gesellschaft zur Constaffel (das sind die Jungs mit den Hellebarden und den Kettenhemden aus graubesprühtem Grobstrick), und Quartierszünfte, die sich nicht auf ein Handwerk, sondern auf ein Stadtviertel berufen. Heutzutage wird die Mitgliedschaft in der Zunft in den Stadtzürcher Familien vererbt und hat gar nichts mehr zu tun mit einem erlernten Handwerk. Von daher wird auch verständlich, warum vielen die Zünfte und das Sechseläuten als rückständig und elitär gelten.

Und, nicht zu vergessen, frauenfeindlich. Denn im Umzug dürfen keine Frauen mitgehen. Jedenfalls eigentlich keine über 12 oder so, denn kleine Mädchen mit Perücken sieht man zuhauf, eines wird sogar in einer Sänfte durch die Gegend geschleppt. Aber offenbar wird die Altersgrenze nicht so streng gehandhabt: Kindergärtnerinnen für die Kleinen dürfen mitgehen, Blumenträgerinnen und (unkostümiert) auch Politikerinnen (vgl. Video). Doch die Ende der 80er Jahre gegründete Frauenzunft durfte bislang nie am Zug der Zünfte teilnehmen, sondern musste ihren eigenen Umzug eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn durchführen. Für 2011 sind sie nun zum ersten Mal (und zunächst nur für ein Jahr auf Probe) zum Hauptzug geladen worden. Ansonsten sind Frauen beim Sechseläuten vor allem dazu vorgesehen, den Marschierenden Blumen zu bringen.


Ich persönlich verkleide mich ja auch gerne und habe den Prinzessinnen-Tick vor kurzem abgelegt. Insofern wäre ich sofort zu haben für eine Ausländerzunft oder eine Praktikantenzunft. Naja, da das Zürcher Prekariat ja inklusive mir aus ca. 3 Leuten besteht, vielleicht lieber eine Ausländerzunft. Wir könnten uns ja alle wie Karl-May-Charaktere verkleiden und würden dann kaum auffallen.

Das Sechseläuten endet auf dem Sechseläutenplatz, wo auf einem riesigen Scheiterhaufen ein künstlicher, mit Knallkörpern gefüllter Schneemann, der Böög, verbrannt wird. Die Zeit vom Anzünden des Holzes um 18 Uhr bis zur Explosion des Kopfes wird als Omen für den kommenden Sommer gewertet, je länger es dauert, desto verregneter der Sommer. Während des Feuers galoppieren die falschen Araber und andere Zünftler um das Feuer herum. Es ist eine ziemlich laute und ziemlich heidnische Angelegenheit. Wenn das Feuer später heruntergebrannt ist, findet noch ein wildes Würstchengrillen am Scheiterhaufen statt. Währenddessen besuchen sich die Zünftler noch die halbe Nacht gegenseitig in ihren Zunfthäusern in der Altstadt, immer mit Blechbläsern im Schlepptau. Solch merkwürdige Bräuche gibt es in der Schweiz. Aber dieser hier fand wenigstens mal zu einer akzeptablen Tageszeit und bei Sonnenschein statt.

hier den Böög explodieren sehen

Samstag, 3. April 2010

Blogschwund

Dies ist eine Hommage an all die Blogleichen, die es nie ans Tageslicht geschafft haben. Eine Schweigeminute für all die perfekt geschliffenen Formulierungen, die im Sarg meines Tschibo-Laptops vermodern. Für all die Loner und Loser und Nerds unter den Postings, die sich nicht auf die Tanzfläche trauen.

Was ist nur geschehen?

Berlin Bashing II und III wurden von der Stadtrealität eingeholt und überholt. Sie trauten sich plötzlich nicht mehr, rein rhetorisch gegen diesen Ort zu wettern, den sie innerhalb weniger Tage doch wieder lieb gewonnen hatten. Das Post über das Schweizer Essen findet sich übergewichtig und möchte erst zehn Kilo abnehmen, bevor es sich zeigt (Mit Atkins??? Das ist doch Schwachsinn!). Das Sprachblog fürchtete sich vor Rassismus-Vorwürfen and decided to go native altogether. Es ist im Urwald verschwunden und hat sich seither nicht mehr blicken lassen. Die Fortsetzung von der Basler Fasnacht hat der Frühling gefressen und das Blog über die Zürcher Wahlen hat aus Angst und Zweifel den richtigen Zeitpunkt verpasst. Ach, wenn Ihr doch nur direkt in meinen Kopf sehen könntet! Dann würdet Ihr dort diesen bunten Totentanz sehen und all die Texte, die schöner und spannender und wahrer sind als alle veröffentlichten.

Ich bin keine Künstlerin geworden, weil ich dazu etwas hätte produzieren müssen. Doch die unzähligen Gemälde, Skulpturen, (Tanz-)Performances und Kleider haben es niemals aus meinem Kopf hinaus geschafft. Draußen wären sie fehlbar geworden. Sie wären plötzlich abhängig von der Beschaffenheit eines realen Materials gewesen und von meinem handwerklichen Können. Ein Verrat – denn sie hätten niemals so aussehen können wie in meinen Gedanken.

Lange Zeit dachte ich, Worte wären die Abkürzung. Siri Hustvedt erschafft in den Köpfen ihrer Leser ganze Kunstwelten ohne den Umweg über Ölfarbe, Pappe oder Plastik (z. B. in „Was ich liebte“ oder in „Die Verzauberung der Lily Dahl“). Die Wirkung dieser Kunstwerke ist real; sie wirken genauso stark oder noch stärker als wirkliche Bilder – wozu braucht es also noch echte, fehlbare, zerstörbare Werke? Obwohl ich selbst mindestens zwei Denkfehler erkenne, fällt es mir doch schwer, mich von der Vorstellung einer Direktübertragung von Kunst zu verabschieden. Der erste Fehler ist: Material ist nicht das Problem der Kunst, sondern ein prägender Teil von ihr. Der zweite Fehler ist: Auch Worte sind Material und auch Worte sind fehlbar.

Und so bleiben manche meiner Posts lieber im Versteck hinter der Stirn und spickeln nur manchmal verschämt durch den Vorhang. Auch wenn sie keine Kunst sind, perfekt wären sie trotzdem so gerne.



... gilt tagsüber auf dem Brocki-Hof, nachts im Club und zu jeder Zeit auf kaffeeundgipfeli.

Samstag, 27. Februar 2010

Schweizer Brauchtum II - Morgestreich

Anscheinend finden alle spannenden Traditionen hier in der Schweiz in den frühen Morgenstunden statt. Diesmal erspare ich mir aber das Aufstehen mitten in der Nacht, indem ich einfach nicht ins Bett gehe. Ich verbringe ein paar nette Stunden bei der WG-Party im Dachstock eines wunderschönen uralten Hauses in Kleinbasel mit Blick auf den Rhein und das Trois Rois – das teuerste Hotel der Stadt. Danach ein Abstecher in die Satisfactory, ein neuer Club, der mich mit seinem Werkstatt-Garagen-Innenhof sehr an das gute alte Lovelite erinnert. Zum Glück ist auch der Eintrittspreis mit 5 Franken eher berlinerisch. Hinter dem DJ-Pult erkenne ich eine Bekannte (Danielle Bürgin, Veranstalterin von Bon Voyage), bin begeistert von ihrer Musik und freue mich, dass ich noch anderthalb Stunden Zeit habe zu tanzen.

Denn um halb vier müssen wir den Club verlassen und uns der Völkerwanderung in die Altstadt auf der anderen Rheinseite anschließen. Eine Viertelstunde später stehe ich voller Erwartungen im Gedrängel am Rümelinsplatz. Um Punkt vier passiert es: alle Lichter gehen aus (N. erzählt uns später, dass es sich sogar um ein Gesetz handelt: ein Restaurant etwa, das nicht ordnungsgemäß abgedunkelt ist, kann verklagt werden).

Wir stehen also zu Hunderten in der Dunkelheit und eine seltsame Musik hebt an – Marschmusik, die seltsam trocken ist, da sie nur von Piccolo-Flöten und Blechtrommeln gespielt wird. Verkleidete Menschen mit bunten viereckigen Lampen auf dem Kopf beginnen, in militärischen Viererreihen an uns vorüberzuziehen. Jede Fasnachts-Clique hat außerdem ihre eigene große Laterne, die das diesjährige Sujet der Clique vorstellt, meist ein aktuelles Thema aus Politik und Gesellschaft (Schweinegrippe, Bundespräsident Merz und Gaddafi, Gaddafi, Gaddafi und Gaddafi).



Zuerst spielen alle gemeinsam den „Morgestreich“, einen Marsch, der so heißt wie das Ereignis (oder ist es andersherum?), dann gehen die verschiedenen Cliquen ihre eigenen Wege und spielen ihr eigenes Programm. Einerseits sind viele der Zuschauer (wie wir) angetrunken und fröhlich, andererseits ist es eine recht feierliche und ernsthafte Angelegenheit. A. betont immer wieder, dass es sich um ein ganz anderes Erlebnis handelt, wenn man gerade erst aufgestanden ist. (Ich frage mich nur, wie man dann so unausgeschlafen und nüchtern die ganzen Besoffenen ertragen soll.)



Nachdem wir uns das Spektakel eine Weile angesehen haben, zupft mich A. am Ärmel und will los. N. legt mir galant die Hand auf den Rücken, damit ich nicht verloren gehe. Ich fühle mich beschützt. A. biegt in eine Gasse und verschwindet plötzlich rechter Hand hinter einer dunklen Glastür. Ich frage mich, ob es sich vielleicht um einen Geheimtipp zum Aufsklogehen handelt. Aber nein, hinter der Tür befindet sich ein großes Gewölbe voller Menschen, die Tee mit Rum oder Weißwein trinken, und Mehlsuppe oder Käsewähen essen.

Kleiner Exkurs: Eine Wähe ist ein Mürbeteigkuchen mit Eierguss; es gibt sie mit süßem (Obst oder Sahne) und mit salzigem Belag (Gemüse, Zwiebeln, Käse). Besonders die salzigen Sorten habe ich bereits sehr ins Herz geschlossen. Aber Achtung: die Käsewähe wird auch Käsekuchen genannt, also niemals bei Süßhunger Käsekuchen bestellen und auf etwas hoffen, das wie Omis Käsekuchen aussieht. Diese Art Gebäck wird hier Quarktorte genannt – das habe ich zumindest gelesen, angeboten wurde mir das noch nie. Aber als Alternative kann ich eine Nidelwähe empfehlen (Sahne-Füllung).

Ich genieße in dem gespenstischen Gewölbe eine Käsewähe. Bei Tag soll es sich um ein normales Studentencafé mit Gratis-WLAN handeln. Ich überlege, welche Orte auf welche Art und Weise seltsam wirken würden, wenn die Beleuchtung einfach mal ausgeschaltet bliebe. Bahnhöfe, Zahnarztpraxen, Aufzüge...
Wir ziehen dann noch durch ein paar Fasnachtskeller, die nur an den drei ‚schönsten Tagen’ im Jahr geöffnet haben. Zum Teil sind sie wunderschön dekoriert. In einem bestehen alle Wände aus buntbemalten, von hinten beleuchteten Leinwänden, wie sie auch für die großen Laternen verwendet werden. Hundemüde falle ich gegen 6 unangemeldet ins Gästebett. Aber das war erst der Anfang der Fasnacht...


Nicht ganz jugendfreie Laterne: Bundespräsident Merz guckt aus dem Hosenstall.

Sonntag, 24. Januar 2010

Schöne Dinge

Drei schöne Dinge habe ich letzte Woche gesehen. Das erste war ein alternder Postmann, der in einer gelben Windjacke auf einem kleinen Moped neben meinem Tram herbrauste. (Ja, man sagt hier: das Tram.) Er hatte ein zerfurchtes, sympathisches Gesicht mit grauem Dreitagebart. Beim Beschleunigen sang er fröhlich das Motorengeräusch mit, wie ich an seinen gespitzten Lippen erkennen konnte.

Das zweite war eine sehr ordentlich gekleidete Schuhverkäuferin mit schwarzem Rock, grauem Twinset und Perlenkette, die mit einer langen Stange sorgfältig und voller Ruhe (fast möchte ich sagen: mit Eleganz und Disziplin) die Schuhpaare in der vordersten Schaufensterreihe zurechtschob. Es schien mir ein Fenster in die Sechziger Jahre zu sein.

Und das dritte war eine Frau in meinem Alter, die mir an einem kalten Tag auf meinem Heimweg von der Schmiede Wiedikon entgegenkam. Sie hatte wie ich die Hände in den Taschen vergraben. Ihr Mobiltelefon hatte sie zum Telefonieren einfach unter den elastischen Rand ihrer rosafarbenen Zopfmuster-Wollstrickmütze geklemmt. Der untere Teil des Klapphandys wippte im Takt ihrer Schritte.

Dann habe ich noch etwas weniger schönes gesehen. Vorgestern im vollbesetzten Tram saßen auf drei Plätzen hintereinander Leute, die telefonierten. Zuhinterst ein junger Karrieredeutscher mit millimeterkurzen Haaren und modischem Dreitagebart, an die Person in der Mitte erinnere ich mich nicht, und zuvorderst saß eine elegante mittelalte Schweizerin mit langen dunklen Haaren, Nana-Mouskouri-Brille und Lippenstift. Alle anderen Fahrgäste starrten wie üblich unbeteiligt vor sich hin und im ganzen Wagen war nur das Raunen dieser drei zu hören. Auf dem Einzelplatz den Telefonierern gegenüber saß ein wunderschöner, sehr trauriger Mann mit tiefroten Augen, der sich das linke, den Raunern zugewandte Ohr zuhielt.


(bunte Limmatkiesel)

Sonntag, 17. Januar 2010

Schweizer Brauchtum

Ich bin die Königin! Ok, ich persönlich wusste das ja schon lange (spätestens seit ich 4 bin), aber seit ich letzte Woche auf ein weißes Plastikteil gebissen habe, ist es offiziell. Und das kam so: Am Dreikönigstag wurde ich genötigt, ein Stück Hefekuchen zu wählen und zu essen (mit Rosinen, was schon ein recht hoher Preis ist für die zehnprozentige Chance, Königin zu werden) und darin befand sich eben ein kleiner weißer Plastikkönig, wobei es vielleicht sogar eine Königin ist, so genau kann man das unter den königlichen Gewändern nicht erkennen. Mir wurde jedenfalls versichert, dass sich im Zuge der zumindest in den städtischen Gebieten bereits sehr verbreiteten Gleichstellungsbewegung vereinzelt bereits Königinnen in den Kuchen befänden. Jedenfalls waren es die Rosinen am Ende doch wert, denn ich bekam eine glänzende Pappkrone und mein Chef redete mich allen ernstes mit „Eure Majestät“ an. Naja, um ganz ehrlich zu sein, klang es mehr wie „Eure Majestät, im Fall“.

(„Im Fall“ ist schweizerdeutsch für „eigentlich“, „genau genommen“ oder „in diesem Fall“ und kommt in jedem ordentlichen schweizerdeutschen Satz mehrfach vor. In einem hochdeutschen Satz mehrfach „eigentlich“ unterzubringen schaffte eigentlich nur mein Schulkamerad Jan mit dieser unvergessenen Glanzleistung: „Eigentlich hat die eigentlich christliche CDU das doch eigentlich immer schon so gemacht – eigentlich.“ Aber an dieser Stelle kommt natürlich die Definition von Hochdeutsch ins Wanken.)

Ich bin übrigens auch die Eiskönigin. Denn ich kann jetzt rückwärts fahren, in beide Richtungen, äh, also ich meine natürlich in Links- und Rechtskurven. Natürlich lässt sich das noch optimieren, aber ich bin seit einem Durchbruch vor wenigen Wochen auf dem richtigen Weg. Ganz ohne Stürze geht das nicht ab, aber zum Glück bin ich gut gepolstert. Wenn ich die Kinder sehe, die sich lustvoll jauchzend und mit Anlauf aufs Eis werfen, dann wünsche ich mir von Herzen, ich könnte diese Erwachsenenangst vor dem Fallen wieder loswerden. Doch Unbekümmertheit und Unschuld bekommt man nicht zurück.

Aber zurück zum Schweizer Brauchtum: An diesem Mittwoch hat das neue Jahr auch in der Schweizer Region angefangen, wo eigentlich nichts vorangehen dürfte – schließlich sind sich alle einig, dass hier die Zeit stehen geblieben ist, im Appenzell. Hier begrüßt man zwar das neue Jahr, doch man tut dies nach einem Kalender, der überall sonst schon seit Jahrhunderten überholt ist und zwar aus Protest, denn die Ausserrhodener lassen sich von niemand sagen, wann sie ihre Feste zu feiern haben.

Das Neujahrsfest selbst beginnt in der Morgendämmerung, weshalb wir aus Zürich angereisten Schaulustigen auch angemessen unausgeschlafen sind. Vermutlich ist das auch Teil der Magie. Schweigend stapfen wir im noch dunklen und verschneiten Hügelland herum, über dem man gerade erst die Umrisse des Säntis erkennt. Und dann hören wir von Ferne Geläut und sehen die ersten Silvesterkläuse vor einem Bauernhof im Kreis stehen. Es sind Wüste, das heißt sie sind von Kopf bis Fuß in Tannenzweige gehüllt, tragen Masken aus Holz und Tannenzapfen und Hüte aus Reisig. Zwei tragen Schellen auf dem Rücken, sie hüpfen umher und drehen sich. Die anderen haben vor Brust und Rücken je eine riesige Kuhglocke, die sie läuten, indem sie träge ihre Oberkörper drehen. Dann bekommen sie von der Bäuerin Schnaps, reihum gibt sie den Kläusen aus einem Krug zu trinken. Durch die Mundlöcher in den Masken geht das nur mit einem Strohhalm.

Dann beginnen sie zu singen, zu zäuerlen. Einer beginnt und die anderen steigen nacheinander in sphärischen Naturharmonien ein. Das Zäuerli wird auch Naturjodel genannt, hat aber mit dem schnellen Gesang mit der überschnappenden Stimme, den ich unter Jodeln verstehe, nichts zu tun. (Hier mal reinhören!) Es sind stattdessen ganz langsame, schwebende Lieder, die perfekt in diese Landschaft passen; vor allem wenn wie in diesem Moment die Dämmerung voranschreitet und das Licht langsam auf die Schneedecken zu rieseln beginnt.



Danach witzeln die Kläuse ein wenig herum (auf Appenzellerisch, ich habe also kein Wort verstanden) und geben der Bäuerin und ihrem Sohn zum Abschied die Hand. Dann hüpfen sie klingelnd die verschneite Auffahrt hinunter zum nächsten Haus. Dass die Kläuse reden dürfen, dass sie scherzen und den Bauern die Hand geben, erscheint mir seltsam. Denn als Afrikareisende war ich fast automatisch davon ausgegangen, dass die Menschen unter der Maske nicht als Mensch erkannt werden dürfen, weil sie doch in diesem Moment die Inkorporierung eines Geistes sind und nicht ihr menschliches Selbst und weil es die Heiligkeit des Anlasses schmälern würde.


(schön-wüste Kläuse)

Später sehen wir noch viele andere Kläuse, viele Wüste und auch einige Schön-Wüste mit großen Hüten mit kleinen Menschen und Kühen und Scheunen drauf. Schöne Kläuse, die mit den wirklich aufwendigen Hüten und den Frauenkleidern, sehen wir an diesem Tag nicht. Aber das frühe Aufstehen hat sich trotzdem gelohnt, noch dazu war ich so stolz auf mich, tatsächlich um 5 aufgestanden zu sein, dass ich mich dann auch noch wie die Königin des anbrechenden Morgens gefühlt habe.


(rieselnde Dämmerung im Appenzell)

Freitag, 25. Dezember 2009

t = -4 (Berlin-Bashing I)

Noch vier Tage bis zum Ereignis. In vier Tagen beginnt ein Selbstexperiment mit ungewissem Ausgang. Zum ersten Mal seit meiner Flucht werde ich Berlin betreten.

Wenn ich in Zürich erzähle, dass ich zehn Jahre in Berlin gelebt habe, fangen immer alle Gesichter auf diese seltsame Art zu leuchten an. Wow, sagen sie, Berlin. Das war bestimmt toll. Ich sage, ich bin froh, dass ich da weg bin. Die Gesichter werden zu Fragezeichen, sehr großen Fragezeichen. Ich setzte zu längeren Erklärungen an, die von meinem Gegenüber stets mit eifrigem Kopfnicken begleitet werden. Das Fragezeichengesicht bleibt. Ich kann mich nicht verständlich machen. Berlin ist ein Sehnsuchtsort für die Zürcher, eine Legende, das Shangri-la and der Spree. Ein Gegenentwurf zum beschaulichen Leben in der Stadt am See, dreckig, riesig, voller Verrückter, cool und szenig und einfach in allem anders als Zürich und viel urbaner.

In der gestrigen NZZ schreibt die Wahlberlinerin Iris Hanika „Vom Glück der grossen Stadt“ und nur wer den verklärten Blick der Zürcher auf das dicke B nicht kennt, wundert sich, dass die Zürcher Tageszeitung 4000 Zeichen Platz hat für eine Berlin-Kolumne. Die Autorin findet, es sei die große Auswahl an seltsamen und verrückten Menschen, die das Metropolen-Gefühl ausmache. Sie findet es schön, „unter so vielen Verrückten leben zu dürfen. Weil ich mich dabei so normal fühlen kann. Ich bin nicht allein.“

Bei mir ist es umgekehrt. Ich fühle mich in Berlin nicht normal, weil ich nicht normal bin. Ich passe mich sofort und automatisch an die lokalen Gepflogenheiten an. Ich beginne, Busfahrer anzublaffen, Leute anzurempeln, die mir auf der Treppe entgegenkommen, und bei jeder Gelegenheit auf den Boden zu spucken. Ich führe laute Selbstgespräche und drehe mitten auf der Straße um. Ich laufe lange Strecken, um zu einem fettfreien Latte zu kommen. Ich fühle mich beobachtet. Ich bekomme nervöse Zuckungen. Ich kaue Nägel in der Öffentlichkeit. Ich sage Geilomat und muss mich dann selber ins Gesicht schlagen. Ich esse Nutella aus dem Glas. Ich bewerfe Passanten mit Backsteinen und freue mich wie eine Waldhexe, wenn sie bluten.

Und ich fühle mich in Berlin übrigens trotzdem alleine, denn wir Verrückten reden ja nur mit uns selbst und nicht mit den anderen. Gut wohne ich jetzt in Zürich. Da denken alle, ich sei normal, nur weil ich nett bin und grüße und nicht spucke und nur mit mir selbst rede, wenn sonst keiner zuhört. Und wer Groys gelesen hat, weiß, dass die Annahme, dass es sich bei meiner Berliner Persönlichkeit um mein wahres Ich handeln muss, weil es hässlich und gemein ist, eben nur ein Verdacht ist. In Wahrheit bin ich die reine Oberfläche und Ihr wisst gar nichts. Achtung Backstein! Hihihi.


Berlin - wo sich selbst die Statuen anbrüllen

Dienstag, 15. Dezember 2009

Überwindung

Ich geb’s ja zu, das Blog wird fad. Die Entdecker-Euphorie ist vorüber, der Alltag hat eingeschlagen und am Wochenende rodeln oder wandern ist einfach erholsamer als darüber nachzugrübeln, was ich der Welt Neues zu erzählen habe.

Ich könnte erzählen, dass ich im Schweizer Fernsehen war. Alle haben’s gesehen außer mir. Mein Turbointegrierten-Geschwätz haben sie allerdings rausgeschnitten; es passte nicht in die These der Sendung, dass sich die Deutschen hier bedroht fühlen oder ungeliebt. Jedenfalls hätte sich das Integrationsbüro bestimmt nicht zu dem beschwichtigenden Brief genötigt gefühlt, wenn mein Beitrag drin geblieben wäre. Ich wundere mich allerdings, dass es keinen Beschwichtigungsbrief nach der Minarett-Abstimmung gab. Oder haben den nur Muslime bekommen? Aber woher wollen die wissen, dass ich keine Muslimin bin?

Zumal nicht mal meine zuständige Gemeinde weiß, dass ich auf dem Papier Protestantin bin und damit eigentlich ein Schäfchen. Eigentlich sogar ein zu rettendes Schäfchen, wenn man mal den Grad meiner Abtrünnigkeit betrachtet. Nein, die Kirchengemeinde Wiedikon weiß nichts von mir. Aber mit einem ansprechenden Plakat fordert sie mich auf: Überwinde das Böse durch das Gute. Die Farbsymbolik des Banners ist geradezu parodistisch. Während zuerst das Böse farblos und das Gute bunt hinterlegt ist, verkehrt sich das in der Wiederholung ins Gegenteil. Hmm, was uns das wohl sagen will?



Außerdem ist auch der Informationsgehalt des Ganzen relativ gering. Ersetzt man, wie meine Mitbewohnerin vorschlägt, „das Böse“ mit einem beliebigen Substantiv und „das Gute“ mit dessen Gegenteil, erhält man immer ein sinniges Lebensmotto. Es ist geradezu ein Sinnspruchautomat. Überwinde die Faulheit durch den Fleiß. Überwinde den Stillstand durch die Bewegung. Überwinde die Angst durch den Mut. Überwinde die Ignoranz durch die Weisheit. Überwinde die Liebe durch den Haß. Überwinde die Feindschaft durch die Freundschaft. Überwinde das Sein durch das Nichts. Überwinde den Fortschritt durch die Regression. Großartig.

Übrigens ist die Schweiz ist nach wie vor mein Paradis, meine heile Welt, mein Mekka. Ein Land, das Lindt-Schokoladen und Greyerzer-Käse hervorgebracht hat, kann nicht böse sein. Ja, das gilt auch nach der Minarett-Abstimmung noch. Obwohl ich das Ergebnis schockierend finde, halte ich es nicht für genuin schweizerisch. Im Gegenteil, die nun entsetzten Nachbarländer können nur froh sein, dass Ihre Bevölkerung nicht abstimmen darf. Häme ist jedenfalls nicht angebracht. Punkt. Ich mag jetzt langsam echt keine Witze mehr hören über die Schweizer Turmphobie. Und wenn noch einer Hinterwäldler sagt, kriege ich Pusteln. Überwinde den Ausschlag durch die reine Haut. Ommm.

Freitag, 11. Dezember 2009

Post vom Integrationsbüro

Sehr geehrte Damen und Herren

Sie haben an der letzten Begrüssungsveranstaltung für Neuzugezogene, 24.11.2009, teilgenommen . Einige von Ihnen wurden evtl. für die Sendung Reporter vom SF interviewt oder gefilmt. Gestern Abend wurde die Sendung zum etwas traurig anstimmenden Thema "ungeliebte Deutsche" ausgestrahlt. Wie oft in den Medien, wurde ein Problem etwas stark hervorgehoben, so dass wir es hier nicht mit einer ganzheitlichen Berichterstattung zu tun haben.

Der Integrationsförderung ist es wichtig, dass auch die Tatsache berücksichtigt wird, dass die Mehrheit der Deutschen sich in Zürich wohl fühlen.

Die neuesten Daten der repräsentativen Bevölkerungsbefragung 2009 bestätigen dies ebenfalls:

Auf die Frage, wie gerne sie insgesamt in der Stadt Zürich wohnen, antworteten 78,6% der befragten Deutschen mit sehr gerne, 20,9% mit eher gerne und nur 0,5% mit eher ungern, wobei niemand sehr ungern angekreuzt hat.

Auf die Frage, wie sie sich in Zürich daheim fühlen, antworteten 42% mit sehr daheim und 50,2% mit daheim, während es nur 7,4% bei nicht so daheim sind und niemand die Frage mit überhaupt nicht daheim angekreuzt hat.

Trotzdem ist es uns sehr wichtig, dass diese Einzelfälle ernst genommen werden. Wir hoffen aber, dass diese Art von Berichterstattung nicht noch weitere Nachtäter animiert.

Wie Sie wissen, ist die Zahl der Deutschen (Bevölkerungsbestand wie auch NeuzuzügerInnen) in Zürich in den letzten Jahren stark angestiegen. Die Verschlechterung, welche im Beitrag angesprochen wird, kann meiner Meinung nach auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden: einerseits die veränderten Proportionen, die allgemein verschlechterte Wirtschaftslage und die zusätzlichen Ängste in der Bevölkerung in Bezug auf die veränderte Migrationslandschaft (Hochqualifizierte). Zudem wurden die teilweise bereits vorhandenen Ressentiments zwischen Schweizern und Deutschen in den letzten Jahren medial stark aufgegriffen und dadurch teilweise verschärft.

Die Sendung wird nochmals ausgestrahlt. Infos finden Sie unter:

http://tvprogramm.sf.tv/details/418fb517-3030-415a-ba81-e5df58b0775a


Wiederholungen:
Donnerstag, 10. Dezember 2009, 05.30 / 14.35 Uhr auf SF1
Sonntag, 13. Dezember 2009, 07.30 / 09.20 Uhr auf SFinfo

Falls Sie in Zürich ähnliche Schwierigkeiten haben sollten, lassen Sie es uns wissen! Besten Dank! Wir wünschen Ihnen einen problemlosen Start und eine gute Zeit!

Freundliche Grüsse

Montag, 7. Dezember 2009

11 gute Tipps für Weihnachtsstimmung bei Nieselregen

1. Sternenregen auf dem Rennweg angucken
2. Bahnhofstrasse unbedingt vermeiden
3. mit den Füßen im Gefrierfach vom letzten Skiurlaub schwärmen
4. abwechselnd „Winterwonderland“ und „White Christmas“ vor sich hinsummen, das sorgt auch bei den Mitmenschen für den richtigen spirit
5. Glühwein und Maroni am Stand konsumieren, Sommerschuhe sorgen für angemessen kalte Füße
6. möglichst viel Weihnachtsgebäck konsumieren
7. Schlittschuhlaufen
8. alle nach ihren Plänen für die Feiertage fragen
9. im Geschäft immer „Besinnliche Festtage“ wünschen
10. im stylischen Zürich nur für Profis: rot-weiße Samichlausmützen tragen und bei jeder Gelegenheit „ho, ho, ho“ sagen
11. Tipp 1-9 unbedingt regelmäßig und konsequent anwenden

Sonntag, 29. November 2009

Jetzt ist es geschehen.

Jetzt ist geschehen, woran hier niemand glaubte. Die Schweizer haben per Volksentscheid beschlossen, Minarette zu verbieten. Und zwar explizit Minarette und nur Minarette. Man tut nicht mal so, als wäre das unparteiisch, und ginge an alle baulichen Glaubensbekenntnisse. Natürlich, dann müsste man ja auch Kirchtürme verbieten. Oder, wenn man die christliche Religion als heimatlich ausnimmt, Synagogenkuppeln. Das würde aber plötzlich durchsichtig machen, in welcher Tradition das Ganze steht (die Ikonografie der Plakate ist anscheinend nicht deutlich genug). Also nur Minarette verbieten.

Seit ich in der Schweiz lebe, habe ich mehrfach über die direkte Demokratie diskutiert, auf die die Schweizer sehr stolz sind. Fast war ich schon von meiner grundsätzlichen Ablehnung abgekommen. Denn zugegebenermaßen hat die direkte Demokratie sehr viele Vorteile. Und nur einen Nachteil: das Volk. Ich war und bin davon überzeugt, dass Minderheitenschutz und Menschenrechte nicht garantiert bleiben können, wenn nur die Mehrheit zählt. Wenn, wie in diesem Fall, diffuse Ängste und Frustration die Gründe liefern für eine Entscheidung. Ohne Zweifel sind die Schweizer aufgrund ihrer Tradition der direkten Demokratie tatsächlich informierter, interessierter und humanistischer als andere Völker. Aber offenbar doch nicht humanistisch genug.

Das Ergebnis macht Angst. Denn es ist ein lautstarkes Signal gegen Toleranz und Miteinander. Es geht nicht um Minarette. Von denen gibt es ganze vier Stück in der Schweiz, niemand hier kann mir glaubhaft versichern, dass er sich von einem solchen Bauwerk bedroht fühlt. Nein, es geht nicht um die Minarette, sondern um die Muslime. Es geht gegen die Muslime, die mit Islamismus und Gewaltbereitschaft gleichgesetzt werden und denen ein organisiertes Streben nach Weltherrschaft unterstellt wird. Doch eigentlich ging es bei dieser heutigen Abstimmung meines Erachtens noch nicht einmal nur oder zuerst gegen Muslime, sondern vor allem gegen Zuwanderung überhaupt.

Irrationale Ängste haben mehr Menschen als sonst dazu gebracht abzustimmen, Ängste, die von der Rechten geschürt und von der Linken nicht aktiv genug bekämpft worden sind. Dieselben Ängste wie überall, sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg, bald sind wir im eigenen Land in der Minderzahl usw. Nur, dass hier diese Ängste heute Gesetz geworden sind, anstatt als rassistisch tabuisiert zu werden.

Das Ergebnis macht mir persönlich Angst. Denn, obwohl ich hier sehr herzlich aufgenommen wurde und fast nur weltoffene Leute kennengelernt habe, spüre ich doch mehr und mehr, wie wütend viele Menschen hier auf uns Zuwanderer sind und wie bedroht sich viele durch uns fühlen. Manche ärgern sich über Minarette, manche über das viele Hochdeutsch auf der Straße. Meistens sind es die gleichen.

Alexander Segert, der Mann, der hinter den faschistoiden Plakaten steckt, und selbst ein deutscher Einwanderer, sagt, er würde auch eine Kampagne mit dem Slogan „Deutsche raus“ konzipieren (hier), wenn man ihn dafür bezahlt. Leider ist das gar nicht abwegig.


Sind die aus Pappe auch verboten? Kreativer Minarettbau bei Protestkundgebung auf dem Helvetiaplatz.

Donnerstag, 26. November 2009

Mein Eintritt in die Parallelgesellschaft

Ich bin vorgestern erfolglos integriert worden, ach nein, begrüßt worden bin ich, und zwar herzlich, außerdem erfolgreich abgefüllt und in die Parallelgesellschaft gedrängt. Was da stattfand war ja auch gar nicht der „Integrationsapéro“, eine Bezeichnung, die sich nur bei den Betroffenen eingebürgert hatte, sondern ein "Begrüssungsapéro". Von Integration war also nie die Rede gewesen.

Wer mich und 239 andere Ausländer da begrüßt, das ist die Stadt Zürich höchstpersönlich und zwar in Gestalt dreier Damen mit vielfältigen Sprachkenntnissen. Integrieren könnten sie uns sowieso nicht, denn wir sind eindeutig in der Überzahl. Stattdessen verkünden sie in unzähligen Idiomen Allgemeinplätze oder projizieren kurze humorvolle Texte und freundliche Bilder per Power-Point-Präsentation an die Wand. Man verspricht Hilfe in allen Lebenslagen, sogar bei Arbeitslosigkeit. Dieses Angebot finde ich sehr freundlich und werde bestimmt darauf zurückkommen. Alle wichtigen Themen werden angetippt: Arbeit, Freizeit, Familie, Bildung und sogar Religion. Zumindest sind das die Bereiche, die die Stadt Zürich in Gestalt der drei Damen wichtig findet. Ich persönlich finde Klimaschutz ja viel wichtiger als Religion und über Haustiere, Essen und Trinken und öffentliches Knutschen müsste man auch dringend mal sprechen.

Aber gut, reden wir also über Religion. Religionsfreiheit ist nämlich ein wichtiges Gut in der Schweiz. Naja, so lange man keine Türme dafür braucht jedenfalls (Hä?). Aber darüber wollen wir an diesem Abend lieber nicht sprechen, eigentlich betrifft es ja auch niemanden. Es sind nur zwei Muslime da, niemand ist verschleiert. Und dass sich ein paar Deutsche unangenehm erinnert fühlen an faschistische Suggestivästhetik, ist jawohl ein Einzelfallproblem. Selbst schuld, wenn man sich den „ewigen Juden“ und andere Glanzstücke der nationalsozialistischen Filmindustrie angesehen hat und nun vor jeder zweiten Plakatwand daran denken muss. Nein, wir wollen uns alle liebhaben an diesem Abend. Harmonie-hie-hie ist eine Strategie.

Später werden wir nach Sprachgruppen getrennt durch die Zürcher Altstadt geführt. Nur wenige historische Hinweise, das wäre ja auch viel zu trocken für solch einen vergnüglichen Abend, dafür ganz viele praktische Tipps. Welch ein Glück, dass ich die schönen Plätze schon entdeckt habe, bevor eine drahtige Stadtführerin im Rentenalter Gelegenheit hatte, mir mit verschwörerischem Augenzwinkern zu verkünden, dass sich dort im Sommer das junge Volk treffe. (Thomas D., seines Zeichens gelernter Friseur, hat einmal in einem Interview gesagt, dass er jedes Friseurgeschäft wortlos verlassen muss, wenn man ihn fragt ob’s auch „etwas Freches“ sein dürfe.) Überhaupt dieser Stadtführer-Humor, immer nur ein bisschen anzüglich, nie zu sehr, und immer so unerträglich konsensfähig. Werden die damit geboren oder besuchen sie spezielle Stadtführer-Schulungen? Gibt es Witz-Datenbanken, nach historischen Gebäuden geordnet? Die anderen in meiner Gruppe finden das charmant und lachen immer an den richtigen Stellen. Liegt's an mir?

Nach dem Auslauf betrinken wir uns alle gemeinsam und sollen uns kennenlernen. Warum eigentlich? Wäre es nicht integrationsfördernder Schweizer zu treffen? Zumal ja, zumindest laut Ivo Marusczyk, die meisten Deutschen das alleine nicht hinkriegen. Nun gut. Ich lerne also kennen und rutsche prompt in die Parallelgesellschaft ab: Ich verabrede mich mit anderen Deutschen zum Skat spielen. Egal, von Integration war ja nie die Rede, dafür gibt es eigene Integrationsabende, wo man lernt, wie man Weckli kauft, und übt, richtig Grüezi zu sagen. Schweizer treffen kann man da zwar auch nicht, aber vielleicht klappt's dann endlich mal mit dem Nachbarn.

Mittwoch, 18. November 2009

Herbstblog

Es ist Herbst in Zürich und der Nebel ist endlich da. Er dampft nicht mehr nur aus dem Uetliberg heraus, als läge dieser am Rand von Mittelerde, sondern hängt jetzt morgens über der ganzen Stadt. Die Zürcher Nebelsuppe ist legendär und dient den Bergbewohnern gerne als Spottvorlage gegen die eingebildeten Städter. Sie wabert jetzt auch allmorgendlich durch meinem Hinterhof. Im Sommer hat es einmal ein paar Häuser weiter gebrannt, das sah ganz ähnlich aus, aber es roch schlechter. Jetzt riecht es morgens nur nach E-Herd. Dieser seltsame Geruch der Herdplatten, wenn sie heiß werden, und der gar nicht heimelig ist oder nur auf eine beklemmende Art und Weise.

Wenn der Nebel am Morgen über dem See hängt im Gegenlicht, sieht es aus wie das Ende der Welt, das heranrückende Nichts, das eben nicht schwarz ist, sondern einfach nichts. Die Masten der verwaisten Segelboote ragen in die Höhe, ganz still, als wären sie festgefroren in dem hellen Weiß.



Minuten später ist der Nebel verschwunden. Dann kann man plötzlich weit ins Gebirge hineingucken, überklar ist jede Felszacke, die aus dem Schnee ragt. Fast erschreckend ist dieser Anblick und ich wundere mich, dass ich als einzige Passantin meine Augen nicht abwenden kann, während alle anderen zur Arbeit hetzen oder joggend auf den Boden starren und in ihren I-Pod hineinhorchen. Ich bin die einzige, und ich riskiere sogar noch etwas dabei, weil man beim Fahrradfahren nicht zur Seite sehen sollte, jedenfalls nicht, wenn Bäume oder Pfosten in der Nähe sind.

Wenn man die Berge sieht, dann ist Föhn, habe ich gelernt. Ich weiß immer noch nicht, was Föhn eigentlich ist. Manche Menschen bekommen Kopfschmerzen davon und schlechte Laune. Ich habe gute Laune, weil man die Berge sieht und ich trotzdem noch keinen Baum gerammt habe.

Dass es Herbst ist, merkt man auch daran, dass man anfängt zu deklamieren. Die meisten machen es innerlich, manche tun es laut. Seltsam, im Nebel zu wandern und jage die letzte Süße in den schweren Wein. Der Herbst ist einfach die poetischste Jahreszeit. Nur der Frühling kann damit konkurrieren, wenn Strom und Bäche endlich vom Eise befreit sind und ein blaues Band durch die Lüfte flattert. Aber Sommer und Winter finden nicht statt im bildungsbürgerlichen Zitatenschatz, warum eigentlich?


Jeder ist allein.

Dienstag, 3. November 2009

Kranksein

Immer, wenn ich krank bin, begebe ich mich auf die Suche nach Friedhöfen. Ich vermute, es liegt weniger an der Nahtoderfahrung von 38,6 Fieber als daran, dass Friedhöfe einfach gute Spazierziele sind und spazieren gehe ich nur, wenn ich krank bin. Das ist ja auch das einzige, was man dann so tun kann, und es soll auch guttun, sagt man zumindest.

Und auch wenn also die Ausarbeitung von Bestattungswünschen nicht das oberste Ziel dieser Gänge ist, macht man sich eben so seine Gedanken. Zum Beispiel habe ich vor kurzem beschlossen, dass ich im Sarg erdbestattet werden möchte und nicht verbrannt, obwohl in das in meiner Familie aus irgendeinem Grund schon seit Jahrzehnten als common sense gilt. Aber mir gefällt die Vorstellung, dass ich von Würmern zerfressen werde und zerfalle und aus meinem Fleisch Gras und Bärlauch wachsen. Außerdem möchte ich einen lebensgroßen Steinengel mit geneigtem Kopf auf meinem Grab haben. Nicht, dass ich an Engel glauben würde oder auch nur an Gott, aber die sind einfach schön.

Auf meinen Streifzügen ist mir aufgefallen, dass Zürich nicht nur zum Leben eine tolle Stadt ist. Mein neues Hinterland bietet mehrere Möglichkeiten von wirklich schönen letzten Ruhestätten. Komisch, dass man einen idyllischen Platz dafür haben möchte, am besten noch mit Aussicht. Eigentlich könnte einem das doch vollkommen egal sein, schließlich sieht man ja nichts mehr und liegt sowieso 1,5 Meter unterhalb von Aussicht und Idylle. Eigentlich könnte man doch praktisch denken und sich dort begraben lassen, wo es die Angehörigen nicht weit haben. Oder man könnte sagen: ist mir doch egal, was dann ist, sollen die mit mir machen, was sie wollen und sowieso sollten die schönen Plätze lieber zum Leben benutzt werden als zum Totsein. Aber irgendwie gefällt mir die Idee, dass meine Angehörigen, wenn sie mich sehen wollen, nach Zürich reisen und dann die Bachtobelstrasse hinaufpilgern müssen, vorbei an den wunderschönen, putzigen Einfamilien-Reihenhäusern mit Vorgärten, hinter deren idyllischen Fassaden es ganz sicher gärt. Im Anblick der Häuschen würden meine Angehörigen bedächtig mit den Köpfen nicken und keuchen (denn sie wären vom Anstieg außer Atem): Jaja, das war immer ihr Traum, aber sie hat halt Pech gehabt. Und ich würde mich oben am Uetliberg im Grabe herumdrehen und murmeln: Nein, Pech habe ich nicht gehabt, sondern Glück. Der Traum war fehlerhaft.

Die Frage ist allerdings, wie lange ich als Ausländerin hier leben muss, bevor ich mich auf einem Schweizer Friedhof begraben lassen darf. Also, moralisch gesehen, meine ich. Nicht, dass es dann in der Presse heißt: Die Deutschen nehmen uns die Jobs weg, die Frauen und jetzt auch noch die Gräber. Joyce war, glaube ich, insgesamt nur 4 Jahre da und ist trotzdem ein beliebter Zürcher Begrabener. Vermutlich würde es also helfen, wenn ich dicke Bücher schreiben könne und berühmt werden würde. Das würde sowieso helfen. Andererseits könnte ich mich auch immer noch darauf berufen, dass ich niemandem die Frau weggenommen habe und bis jetzt auch keinen ordentlichen Job, vielleicht lassen sie mir das Grab dann durchgehen.

Montag, 19. Oktober 2009

Messe in a bottle

Das ist also Ihre letzte Messe, sagen uns die Leute. Ich denke an Requiem und letzte Ölung. Und sage lächelnd: ja, genau. Wir müssen lächeln, Befehl von ganz oben. Sonst werden wir nach Hause geschickt. Ich habe das ja, um ehrlich zu sein, als Versprechen verstanden: Wenn ich nicht mehr kann, muss ich nur eine halbe Stunde griesgrämig gucken und dann darf ich nach Hause fahren. Aber dazu ist es dann doch nicht gekommen.

Abends auf dem Fest der Jungen Verlage ist es voll, richtig voll, rammelvoll. Es nervt und der einzige Vorteil ist, dass man weiß, man ist da, wo alle sind. Aber was da passiert und wer den Preis bekommen hat, das muss man am nächsten Tag in der Messezeitung nachschlagen. Aus der Damentoilette ragt, wie könnte es anders sein, eine Schlange. Eine der zwei Kabinen wird nicht benutzt. Die Spülung ist kaputt, sagt man. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die sich stoisch mit solchen Dingen abfindet. Aber hinter mir löst sich eine Aufgeregte aus der Schlange, eine adrett gekleidete Businessfrau, aber stilvoll, eine Managerin, eine Geschäftsführerin, mindestens Vertriebsleiterin, eine Macherin, jemand, der zupackt, der sich zuständig fühlt, der nicht einfach wegsieht. Sie gibt uns zu verstehen, dass sie das schon regeln wird. Und aus der Kabine hören wir kurz darauf, dass nur der Hahn nicht aufgedreht gewesen sei. Als die Macherin die Kabine verlässt, verkündet sie, dass das nun doch nicht so funktioniert habe, wie sie sich vorgestellt habe, aber man könne die Toilette trotzdem benutzen, wenn man nur das Papier wie sie daneben werfe. Als wir Wartenden sie wortlos anstarren, macht sie ein schnippisches Geräusch, das heißt: selber schuld, wenn Ihr lieber warten wollt, und wendet sich dem Wasserhahn zu.

Jemand fragt meine Kollegin, ob Pessoa heute nochmal an den Stand kommt.

Jemand von Suhrkamp umarmt mich stürmisch, weil er mich im Augenwinkel für meine Chefin hält. Als er mich scharf gestellt hat, erschrickt er und flüchtet.

An der Lesebühne vom Gastlandauftritt China sitzt ein Chinese und liest. Er schiebt der mittelalten Frau gegenüber einen Flyer hin. Sie sieht ihn fragend an. „I read.“ „O, you are the author?“ „Yes.“ Schweigen. „You live in Europe?“ „No. I live in China. And you, are you from here?“ „Yes, yes. From here.“ Sie zeigt auf den Hallenboden. „And what do you do?“ „I am a mother“, Pause, „and a, äh…“ „Housewive?“ „Yes, yes. A housewive.“ Ein schmales, langes Mädchen, das ich ungefähr auf dreizehn schätze tritt an den Tisch. „Is this your daughter?“ „Yes.“ „How old is she?“ „Äh, twenty.“ „Like my daughter.“ „You have a daughter?“ „Yes.“ „Good.“ „Yes.“ Der Chinese entschuldigt sich. Ich frage mich, ob sich Chinesen und Deutsche durch die Buchmesse näher gekommen sind.

Unser Waldschrat strandet nach einer Party in einer Suite im Luxushotel. Das war am Samstag wohl der Place to be, aber da war ich nicht da. Ich habe mich gleich auf die Messezeitung verlassen. Ich war bei einem wunderbaren bulgarischen Kinderbuchillustrator, der mit dem allerschönsten Akzent über jeden Stier, den er gemalt hatte sagte: Das ist mein Bruder. Er signiert mir ein Buch mit Planetenfressern und einem Kalb, das dem Mond auf dem Rücken hockt. Der Mond kann sich umdrehen soviel er will, das Kalb ist immer hinten und er kann es nicht sehen. Der alte Maler freut sich über meinen Pferdeschwanz. Er hat bestimmt auch mein Mondkalb darunter bemerkt. Es war nämlich nicht so schüchtern wie ich.