Sonntag, 16. August 2009

Planlos mit Velo

oder Fahrradfahren in Zürich I

Ich hatte mich eigentlich immer für eine großartige Fahrradfahrerin gehalten. Die Kunst besteht neben einer unumstößlichen Balance, welche die Hände am Lenker überflüssig macht und so Rauchen, Telefonieren und Gestikulieren während der Fahrt erlaubt, vor allem darin, ein feines Gespür dafür zu entwickeln, welche Regeln es einzuhalten und welche es zu übertreten gilt. In Berlin, so glaube ich ohne Bescheidenheit sagen zu dürfen, hatte ich dies zur Perfektion gebracht: Im Wesentlichen hielt ich mich korrekt an die StVO, nur im richtigen Moment benutzte ich kurz einen Gehweg oder eine Fußgängerfurt. Nur selten überquerte ich rote Ampeln und wenn, dann nie ohne mich mit einem Schulterblick davon überzeugt zu haben, dass keine Cops in der Nähe waren. Unvergesslich ist mir übrigens der Polizist, der mich anhielt, weil ich an der Kreuzung Mehringdamm/Blücherstraße die Straße bei Fußgängergrün auf der Fußgängerfurt überquerte – und dann auch noch in der falschen Richtung!

Noch bevor ich überhaupt hierher gezogen war, gab es für mich als Radlerin in Zürich ein böses Erwachen. Als ich vor nun schon vier Wochen zum ersten Mal versuchte, das Kreisbüro (Meldestelle) meines neuen Heimatkreises zu erreichen, wurde mir klar, dass meine Berliner Gewohnheiten hier nicht taugten und meine Gewissheit, auf dem Fahrrad schon immer irgendwie durch- und anzukommen, reine Überheblichkeit gewesen war. Die Schmiede Wiedikon, der historische Quartierskern in der Nähe meiner neuen Wohnung, liegt im Auge eines Sturms aus Baustellen und Einbahnstraßen. Da ich noch nicht wusste (und noch immer nicht sicher weiß), welche Regeln man (zumal angesichts einer gefährlichen Engstelle) getrost übertreten kann und welche Abweichungen zur sofortigen Ausweisung einer noch nicht gemeldeten Ausländerin führen würden, versuchte ich mich vollkommen korrekt zu verhalten. Panik erfasste mich angesichts zweideutiger Verkehrszeichen. Alle Straßen, die in die richtige Richtung führten, waren gesperrt. Ich schwitzte Blut und Wasser, bis ich mit Müh und Not den rettenden Hafen des Kreisbüros erreichte. Von meiner Souveränität war nichts geblieben.

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Wiedikon das Bermuda-Dreieck von Zürich ist: wer einmal drin ist, findet nie wieder heraus. Seltsame Strömungen bestehend aus kleinen gelben Pfeilen führen ihn so lange in die Irre, bis er vor Erschöpfung zusammenbricht. Hinein geht es seltsamerweise recht gut. Als ich das erste Mal abends mit dem Velo nach Hause fahren musste, sagte ein Zürcher Freund zu mir: es geht doch immer geradeaus! Ich habe ihn fast für verrückt erklärt und war sehr erstaunt, als ich seinen Anweisungen Folge leistend plötzlich vor meiner Haustür stand. Nur hinaus komme ich einfach nicht. Tagelang habe ich enorme Umwege auf mich genommen und neue Stadtviertel erkundet, weil ich glaubte, die kleinen gelben Pfeile seien alle für mich gemacht, und als anpassungswillige Zugezogene, wagte ich es nicht, sie zu ignorieren. Wie ein Stück Treibholz folgte ich den Strömungen, die mich weiter und weiter vom Kurs abtrieben.

In meiner Not griff ich dann bald zu dem billigen Trick, das Viertel einfach in der entgegengesetzten Richtung zu verlassen und so den Todesstrudel weiträumig zu umfahren. Dabei muss ich durch ein Quartier mit dem schönen Namen „Enge“. Ich war sehr überzeugt, dass die Bezeichnung nicht von „eng“ herrührt, sondern von einem Gebirge namens Engimatt. Schließlich gibt es in Enge auch die Engimattstrasse (ich lese noch immer: Enigma…) und schließlich denke ich bei „Matt“ sofort an Berge: Matterhorn, Zermatt und … mehr fällt mir grade nicht ein. Doch ich musste mich bald eines besseren belehren lassen. „Enge“ kommt tatsächlich von „eng“ und bezieht sich auf die Enge zwischen dem ehemaligen Seeufer und einem Hogger (Hügel). Und „Matt/Matte“ heißt keinesfalls Berg, sondern Wiese, eine solche kann sich natürlich am Hang befinden oder in der Ebene. Im Fall des Matterhorns befindet sie sich übrigens am Fuße des Berges; es handelt sich also nicht etwa um einen schneebedeckten fiktiven Garten, wie den vom Vreneli.

Nun durchquere ich jeden Tag die Enge, grüße hinter dem Bahnhof die Schafe, die dort auf einem Hang mitten im Wohngebiet weiden, und freue mich auf dem Heimweg bei Regen über einen dampfenden Üetliberg. Immer wieder versucht ein freundlicher Zürcher mich darauf hinzuweisen, dass es doch viel schlauer wäre, die Sihl nördlich von meiner Wohnung zu überqueren und so das Viertel direkt in Richtung Innenstadt zu verlassen. Doch ich lasse mich nicht mehr ins Bockshorn jagen: ich weiß genau, in dieser Richtung gibt es keinen Fluß, sondern nur Stadtautobahnen und jede Menge kleiner gelber Pfeile, die wie Irrlichter meinen Untergang betreiben.


dampfender Üetliberg bei Regen von Enge aus gesehen

Samstag, 15. August 2009

Nachtrag zum "Schwarzen Tag"

Einige Tage später:
Seit ich gehört habe, was hier Handwerker verdienen (zurecht! können sie hier von der schweren körperlichen Arbeit noch leben und eine kleine Familie versorgen), stelle ich mir vor, ich werde Zimmermann, wenn bald die Lektoren aussterben. Eigentlich heißt das, glaube ich, Zimmerin bei Frauen. Das wollte ich heimlich schon immer. Die haben die besten Arbeitsklamotten und man kann auf die Walz gehen.

Meine Mutter hat zwischen den Büchern meiner Großeltern ein kurioses altes Heftchen mit dem Titel „Schweizer Witz“ (gesammelt von Fritz Herdi, Ernst Heimeran Verlag 1968) gefunden und mir geschickt. Dass die Witze überhaupt nicht lustig sind, liegt vermutlich an meiner mangelnden Kenntnis der regionalen Eigenarten. Befremdlich sind aber auch die Übersetzung ins Hochdeutsche und die Anmerkungen für Nicht-Schweizer. Vermutlich werde ich noch öfter daraus zitieren. Hier kommt jedenfalls ein Geschichtchen, das ich gestern bei der Toilettenlektüre durch Zufall (!) entdeckt habe (Anmerkung von Fritz Herdi):

„Handwerker führen Reparaturen an der Fassade des Zürcher Stadthauses aus. Der Stadtpräsident kommt gegen neun Uhr des Wegs und ruft leutselig hinauf: ‚So, was macht ihr denn da oben?’ ‚Znüniessen!’ (Zwischenverpflegung um neun Uhr). ‚Donnerwetter meint das Stadtoberhaupt, ‚ihr habt’s aber gut!’ ‚Na ja’, schallt es vom Gerüst herunter, ‚hätten Sie etwas Richtiges gelernt, so könnten Sie jetzt auch futtern!’“

Mittwoch, 12. August 2009

Schwarzer Tag

Dieser Montag beginnt mit der Nachricht, dass der Verlag, in dem ich arbeite, im nächsten Jahr schließen wird. Der Schock sitzt tief und meine Immigranteneuphorie erhält einen schmerzhaften Dämpfer. Zu behaupten, dass ich nun Zürichs Schattenseiten kennengelernt und seine dunklen Geheimnisse gelüftet habe, ginge vielleicht ein bisschen weit. Doch ich muss erkennen, dass die Stadt eben doch kein Paradies ist, kein geschütztes Eldorado für Kunst und Kultur, wo traditionell arbeitende unabhängige Kleinverlage noch hochwertige und hochpreisige Juwelen herausbringen können, ohne sich um die Zwänge des Marktes zu scheren.

Zürich schützt nicht vor Arbeitslosigkeit und ich bin mir sicher, dass es sich in keiner Stadt der Welt als Arbeitloser schlechter lebt als hier, wo alle anderen Beschäftigung und genügend Geld haben. Nicht wie in Berlin, wo man quasi unter seinesgleichen wäre, weil fast alle arbeitslos sind oder Freiberufler, die dann trotzdem erst um halb elf aufstehen, den ganzen Tag in Cafés rumhängen und eventuell auch von HartzIV leben. Eigentlich sind der einzige Unterschied die MacBooks. In Zürich rekrutiert sich vermutlich das gesamte Prekariat aus mir und einer Handvoll anderer Verlagsvolontäre von Kleinverlagen. Grund zur Panik gibt es eben doch überall, auch in Zürich.

Es ist ein schwarzer Tag nicht nur für mich und meine Kollegen, sondern für die gesamte deutschsprachige Literaturlandschaft. Die Schließung hat nicht in erster Linie wirtschaftliche Gründe und doch kündet sie als Fanal von einschneidenden Veränderungen in der Verlagswelt. Mir wird klar, dass ich mich auf einem sinkenden Schiff befinde: mein Lebenstraum ist ein Beruf, den es bald nicht mehr geben wird. Melancholie bei 30 Grad.

Dieser Montag endet mit einer Blutlache an der Haltestelle Waffenplatzstraße. Unfälle gibt es überall, auch in der Schweiz, wo alles geordnet und geregelt ist. Dennoch erscheint mir das rote Blut an diesem Abend wie ein wichtiges Zeichen. Nur kann ich es nicht entziffern.

Sonntag, 9. August 2009

Street Parade: Techno ab ins Altersheim?



Jedes Jahr im Spätsommer teilt sich die Zürcher Bevölkerung für ein Wochenende in zwei Lager, die sich mit völligem Unverständnis, wenn nicht gar mit Feindschaft begegnen. Während die eine Hälfte der Stadtbewohner bereits am Donnerstagabend panisch ins Hinterland aufbricht, freuen sich die anderen schon das ganze Jahr auf drei Tage Party. Als ich ahnungslos an eben jenem Wochenende meine Einweihungsfeier ansetzte, erntete ich von letzteren entsetzte Reaktionen. „Aber da ist doch Street Parade!“ – „Die ist doch am Samstag, meine Feier am Sonntag!?“ – „Aber da sind wir doch müde!!!“ Diejenigen meiner Freunde, die zur anderen Hälfte der Zürcher gehören, zeigten sich deutlich kooperationsbereiter, indem sie alle versprachen, ihre Kurztrips zu verkürzten, um am Sonntagabend rechtzeitig zum Brätele (Grillen) bei mir zu sein.

Ich war ja eigentlich der Meinung, Techno-Paraden seien kurz nach der Jahrtausendwende untergegangen. Doch in Zürich, so lasse ich mir sagen, sei das alles ganz anders. Hier kämen immer noch jedes Jahr 1 Million Menschen zu einer solchen Veranstaltung; hier wäre das noch nicht kommerzialisiert, jedes Love Mobile gehöre zu einem Zürcher Club oder höchstens zu einem Radiosender (und sei also nicht nur Werbeträger für multinationale Getränkehersteller o.ä.) und – am wichtigsten: hier sei es noch eine Party der Techno-Fans und kein Familienfest wie ihn Berlin, wo es einfach zu viele kleine Kinder gäbe. In Berlin sei die Love Parade also an der Verbürgerlichung der Fans zugrunde gegangen, höre ich heraus. Mit meinen zugegebenermaßen provokativen Einwand, dass vielleicht die Street Parade noch am Leben sei, weil die Schweiz hier wie in anderen Dingen (sagt zumindest das Klischee) einfach zehn Jahre Verspätung habe, ernte ich nur eisiges Schweigen.

Also will ich der Sache eine Chance geben: feiert man hier tatsächlich lebendiger, anarchischer und bunter als bei allen anderen Techno-Events? Die Vorabrecherche auf der offiziellen Website des Vereins bringt Ernüchterndes zu Tage. Unter der Rubrik „Tun und Lassen“ werden nicht nur Wasserpistolen und Trillerpfeifen geächtet, nein es wird auch vor Alkohol und Drogen gewarnt (vor allem in Kombination), es wird dazu aufgefordert Ohren vor Lärm und Wangen vor Sonneneinstrahlung zu schützen, nicht an Hauswände zu pinkeln und immer schön nett zueinander und auch zur Stadtausstattung zu sein („keine kletterübungen: An der Parade könnt Ihr zwar ruhig abheben, aber bitte verschont die Ampeln, Verkehrssignale, Bäume und Wartehäuschen.“). Und auch die Stadt tut ihren Teil, um Ordnung zu bewahren: Jene Bäume und Büsche entlang der Strecke wurden bereits vor Tagen mit Bauzäunen weiträumig abgeriegelt (damit sollte es zwar gelingen, das Besteigen weitgehend zu unterbinden, die durchschnittliche Pissweite eines biergefüllten Paradisten wurde jedoch signifikant unterschätzt). Ein seltsames Bild ist das im Vorfeld: das Grün so geschützt zu sehen vor einem noch gar nicht vorhandenen Angriff. Es ergreift mich die Vermutung, dass vor allem geordnet gefeiert wird.

Am Tag der Parade selbst, regnet es bereits morgens in Strömen. Nur aus Pflichtbewusstsein kämpfe ich mich durch die abgesperrten Seitenstraßen bis zum See vor, von wo laute Musik zu hören ist (übrigens meist nur wenige, zum Teil altbekannte Hits und kein innovativer Anarcho-Sound). In der Seehofstrasse stehen zwei junge Männer mit griesgrämigen Gesichtern und nackten Oberkörpern unter einem Vordach und wringen gemeinsam ihre T-Shirts aus. Die Räume zwischen den Love Mobiles sind weit und nur wenige Tänzer bieten dem Wetter hartnäckig die Stirn, oben ohne oder mit Plastiküberzug. Durch den Regen ist es, als hätte jemand im Club das Licht angemacht: man kann sich nicht in Alkoholrausch und blendendem Sonnenschein verlieren, sondern muss in der grauen Nässe gnadenlos erkennen, wie absurd das eigene Tun ist. Natürlich haben auch hier die großen Getränkehersteller ihre Finger im Spiel und die Aufforderung "Enjoy Heineken responsibly" an den grünen Ständen, erscheint mir ziemlich schizophren und enthält gleich zwei Dinge, die wenn nicht gleich nicht lebendig, so doch zumindest in keiner Weise anarchisch sind: Kommerz und maßvolle Ordnung. (Tatsächlich landen nur 63 von 600.000 Besuchern wegen zuviel Alkohol bei den Sanis. Nur wenige mehr als wegen Unterkühlung behandelt werden mussten...) Ich besichtige noch andere Orte, doch nur an einer Stelle kann mich die Stimmung kurz packen: an der Münsterbrücke spielt jemand Techno unplugged. Und obwohl die Hauptschuld sicherlich den Regen trifft, bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass das Paradesterben auch die Schweiz bald erreichen könnte.


Regenschutzlösungen bei Street Parade-Besuchern

Mittwoch, 29. Juli 2009

Zwanghaft in Zürich



„Panik“ verkündet das Dach vom Binz-Squat ganz in meiner Nähe. Und tatsächlich müssen die Bewohner und Nutzer dieses wunderschönen Fabrikareals eine Räumung fürchten (hier dagegen sein). Doch ich habe ganz frisch ein Dach über dem Kopf und brauche eigentlich keine Angst zu haben in Zürich. Oder?

Ich denke nun schon eine ganze Weile obsessiv darüber nach, ob ich eigentlich etwas beunruhigend finde in Zürich. Jede Stadt, die ich in meinem Leben ein bisschen besser kennengelernt habe, hatte ein dunkles Geheimnis. In Stuttgart waren das provinzielle Engstirnigkeit und schwäbische Indiskretion; in Ouagadougou üble Nachrede und die schwer bewaffneten Polizisten/Gendarmen/Militärs und wie sie alle heißen. Und in Berlin – tja, da weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll. Wobei Berlin aus seinen Schattenseiten meist kein Geheimnis macht, im Gegenteil, es werden sogar Hymnen auf sie gedichtet („Guten Morgen Berlin, Du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau, du kannst so schön schrecklich sein, Deine Nächte fressen mich auf.“) Was mich persönlich an Berlin am meisten beunruhigt, sind vermutlich all die anderen Beunruhigten und Getriebenen, die Selbstgespräche führend durch die Straßen wandern. Ihre schiere Zahl und ihre Aggressivität erschrecken mich.

In Zürich habe ich seit meiner Ankunft die Verrückten minutiös gezählt. Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit treffe ich eine/n pro Tag. Nur einer ist mir ein zweites Mal begegnet, dafür hatte er beim ersten Mal einen Kumpel dabei. Heute habe ich noch keinen gesehen, aber der Tag ist ja noch nicht zu Ende. Niemand hat mich bisher persönlich angesprochen oder beleidigt, ich wurde nicht grundlos als Schlampe beschimpft oder geschupst wie in Berlin gerne mal. Ich denke, ein mit sich selbst Redender am Tag wird mich nicht aus der Ruhe bringen.

Eine Berliner Freundin findet die Schweizer Sauberkeit beunruhigend. „Man bekommt schnell das Gefühl, man müsse da mitmachen.“ Doch ein vor sich hin gammelnder Kühlschrank und eine weggeworfene PET-Flasche auf einem Wiedikoner Gehweg beruhigen sie wieder. Vielleicht ist die Schweiz gar nicht so sauber und ordnungsliebend wie ihr Ruf?

Ich empfinde Sauberkeit und Ordentlichkeit (bis jetzt) keineswegs als steril und autoritär und beunruhigend, sondern geradezu als erfrischend. Voller Demut bin ich bereit, meinen Wochenrhythmus dem rigorosen Waschtag- und Müllabholtagsystem anzupassen. Ich werde den Papiermüll brav in Päckchen schnüren und meine Zürisäcke erst am Montagmorgen rausstellen. Vermutlich treffen diese Schweizer Eigenheiten aus mehreren Gründen bei mir auf Gegenliebe: 1. mein Willen zur Unterordnung, 2. meine Liebe zu Strukturen und Systemen und 3. meine schwäbischen Wurzeln. Einiges, was ich in Stuttgart aus Gründen der noch nicht ganz abgeschlossenen jugendlichen Rebellion einfach ablehnen muss (Kehrwoche, Idylle), erlaube ich mir in der Zürcher Ausprägung gut zu finden und cool und exotisch.

Doch wo liegt dann Zürichs dunkles Geheimnis? Welches ist der Haken, welches ist der Grund, dass Zürich 2009 nach 8 Jahren von Platz 1 der Mercer-Studie für Lebensqualität verdrängt wurde? Ich werde es herausfinden. Noch warten zahllose unentdeckte Welten (Arbeitswelt) auf mich, neue Stadtviertel und andere Jahreszeiten.


(Gruselige Street Art auf der Manessestrasse.)

Dienstag, 14. Juli 2009

Der Morgen nach der Zukunft

Zürcher und Zürich-Kenner werden bei dieser Formulierung wissend lächeln, manch anderer fühlt sich vielleicht an Achtziger-Jahre-Zeitreise-Geschichten oder Nuller-Jahre-Katastrophenfilme erinnert. All diesen sei erklärt: in Zürich ist die Zukunft ein Club, vermutlich der bekannteste der Stadt. Und so ist der Morgen nach der Zukunft wohl meist ein von Kopfschmerzen und verschwommenen Erinnerungen geprägter.

Im Übrigen geht man in Zürich abends nicht aus, sondern man geht „in den Ausgang“ – eine Formulierung, die mich sofort an Gefängnishöfe denken lässt. Und tatsächlich begann eines meiner ersten Zürcher Ausgeh-Erlebnisse auf einem Kasernenhof, nämlich letzte Woche beim Caliente-Festival. Ich befand mich noch auf Wohnungssuche und trug quasi immer und überall meinen Laptop mit mir herum, um bei jeder Gelegenheit im Netz nach neuen Angeboten zu suchen. Und nicht nur wegen der riesenhaften und schweren roten Laptoptasche auf meiner (riesenhaften und schweren) Hüfte fühlte ich mich dort als Fremdkörper. Aufgedrehte, leicht bekleidete Latino-Frauen bewegten sich zu sogenannten heißen Rhythmen und trotz meiner fröhlich-interessierten Laune schien mir das alles ein bisschen aufgesetzt zu sein. Nach einem dort erstandenen Dosenbier brauchte ich sehr dringend eine Zigarette und ein bisschen Abstand und so versuchte ich mich unauffällig abzusetzen. Doch ich war nicht die einzige in der Gruppe, die es fortzog: eine Schwester im Geiste bot sich an, mir die sagenumwobene Langstrasse zu zeigen.

Immer wenn ich Zürich-Kenner gefragt hatte, wo man hinziehen könne, hatte die einmütige Antwort gelautet: nicht in die Langstrasse, da gibt es Prostituierte, Drogen und Einbrüche. Ohne die Zürcher Dogenszene verharmlosen zu wollen, muss ich doch gestehen, dass mir die Gegend an diesem noch hellen Sonntagabend und verglichen mit dem Kottbusser Tor fast idyllisch erschien. Durch ruhige Seitenstraßen mit schmucken Wohnhäusern gelangten wir auf die verrufene Meile. Dort flüchteten wir vor einem sich mit heftigen Windstößen ankündigenden Gewitter in den Longstreet Club, wo ich endlich zu meiner ersehnten Zigarette kam. Ich bestellte mein Panache so, wie ich es aus meinem Stammcafé gewohnt war: ein Bier und ein Glas Sprite bitte. Das nun folgende Ritual des Zusammengießens führte zu großer Erheiterung bei meiner Begleitung und dem Barpersonal. Ich hätte mein Radler auch direkt haben können – nur im Emo wird selbst gemischt, weil es kein Fassbier gibt. Und ich hatte an diesem meinem vierten Tag in Zürich noch geglaubt, es handle sich um ein Exotengetränk, das man hier kaum kenne und das ich deshalb von Hand und vor aller Augen selbst zubereiten müsse. Aber nicht nur wegen meiner Gläser-Menagerie fielen wir Frauen in dem Raum voller gut aussehender und leicht bekleideter Männer auf: wir hatten die Gay Night erwischt.

Nun, an dem Abend in der Zukunft bin ich schon viel routinierter und trinke von vorneherein ungestrecktes Bier, weil zum richtigen Ausgehen auch ein richtiger Schwips gehört. Für meine Begleitung bestelle ich süß gespritzten Weißwein (Weißwein + Sprite + Zitronenstücke – die Schweizer kennen sich eben doch aus beim Panschen!), erhalte jedoch etwas, das verdächtig nach Wodka-Lemon aussieht und auch so riecht. Sie trinkt es trotzdem. Das Bier kommt in der Zukunft im Plastikbecher, aber ansonsten gibt es nichts auszusetzen. Die Musik ist funky, das Publikum angenehm fröhlich und locker. Die Dekoration aus Tausenden von Discokugeln gefällt mir sehr und fast möchte ich eine fotografierende Touristin bitten, mir das Bild zu mailen, denn diesmal bin ich ohne rote Tasche unterwegs: kein Laptop und keine Kamera. Das Beste an der Zukunft aber ist ihr Name, denn nun werde ich regelmäßig sagen können: Ich war gestern in der Zukunft. Auch wenn der Preis dafür immer ein Morgen danach ist.

Sonntag, 12. Juli 2009

Woher kommt die Limmat?

Noch am Vorabend meiner Abreise nach Zürich habe ich mit meinem Vater diskutiert: fließt die Limmat in Zürich aus dem See heraus oder in ihn hinein? Natürlich hatte mein Vater recht. Wie ich auf die Idee kam, dass die Limmat nach Süden flösse, in den See hinein und somit auf die Berge zu – ich weiß es nicht mehr. Vielleicht der uralte Schüler-Aberglaube, dass der Süden unten ist und logischerweise alle Flüsse nach Süden fließen?

Jedenfalls habe ich die Fließrichtung der Limmat schon wenige Tage nach der Diskussion am eigenen Leib erfahren. Auf einem meiner Streifzüge durch die Stadt stieg ich (auf der Suche nach dem grünen Flecken auf dem Stadtplan) von der Haltestelle Beckenhof hinab zum Fluss. Nach Treppen und Biegungen trat ich vor eine Brücke, auf der ungefähr 10 junge Männer in Badehosen standen und einer nach dem anderen in den Fluss sprangen. Ungefähr 50 Menschen trieben vor meinen Augen vergnügt flussabwärts – wohlgemerkt vom See weg. Ich sah dabei zu und dachte, dass das offensichtlich etwas ist, was man in Zürich tun muss. Also brachte ich meinen Laptop in Sicherheit, zog meinen Badeanzug drunter und probierte es selbst.

Und die Limmat fließt nicht nur vom See weg, sondern sie tut dies auch noch mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit. Schwimmen kann man in ihr eigentlich nicht – entweder müht man sich wie ein Hamster im Rad gegen die Strömung ab und bleibt nur mit großem Energieaufwand auf der gleichen Höhe oder man nutzt sie als riesenhafte Rutschbahn: oben reinspringen, weiter unten wieder rausklettern und – nochmaaal!

Die Limmat fließt also in Zürich aus dem Zürichsee hinaus, genau wie mein Vater gesagt hat. Der See wiederum wird hauptsächlich aus der Linth gespeist, die im Tödi-Massiv entspringt. Den Tödi kann man wahrscheinlich bei klarer Sicht von Zürich aus hinter dem See sehen. Allerdings ist mir noch niemand begegnet, der behauptet, ihn auch zu erkennen. Der Normalo-Zürcher erkennt allenfalls Vrenelisgärtli, ein Gipfel mit einem weithin sichtbaren Schneefeld. Dort versuchte, so geht jedenfalls die Sage, einst ein armes hungriges Mädchen namens Verena (Vreneli) einen Garten anzulegen und wurde für diese Hybris bestraft, indem sie und ihr Garten unter ewigem Schnee begraben wurden. Laut Wikipedia war der Schnee allerdings nicht so ewig wie vielleicht vom strafenden Gott beabsichtigt: 2003 sei das Firnfeld abgeschmolzen; die Unglückliche wurde jedoch nicht gefunden.

Und wo geht sie eigentlich hin, die Limmat? Sie mündet bei Lauffohr in die Aare. Diese fließt durch Bern und mündet bei Koblenz in den Rhein. Und der Rhein fließt in den Niederlanden im Rhein-Maas-Delta in die Nordsee. Vielleicht sollte ich also mal versuchen eine Flaschenpost nach Rotterdam abzuschicken?